Montag, 7. November 2011

Es gibt Reis..!

Was ein echter Nepalese ist, der ist davon überzeugt, dass er ohne Reis verhungern würde. Wenn ich den Nepalesen erzähle, dass man in Deutschland keinen Reis am Anfang und Ende des Tages isst, machen sie große Augen und fragen: „What do you eat then?“ Kein Wunder, dass das nepalesische Nationalgericht Reis mit einer dünnen Linsenbeilage ist: Daal Bhat.

Daal – Linsensuppe
Bhat – Reis

So habe ich mir übrigens links und rechts gemerkt:
Daayaa – Rechts – Mit dieser Hand ist man Daal Bhat
Baayaa – Links – Diese Hand ist Bäh

Und an dieser Stelle muss ich noch einen Spruch zum Besten geben, den mir jemand hier ganz am Anfang gesagt hat:

The nepalese digestive system starts with the right hand and ends with the left hand.
(kleine Erinnerungsstütze: Es gibt kein Klopapier...)

Manche Nepalesen fühlen sich nicht ernährt, wenn sie nicht zweimal täglich ihre (riesige) Portion Reis erhalten haben. Das geht sogar so weit, dass wenn sie abends auf einer Veranstaltung waren, bei der es etwas Anderes als Reis zu essen gab, sie zu Hause (egal wie satt sie eigentlich sind) nochmal ihren Reis essen. Unsere tägliche Portion Reis gib uns heute.

Die nepalesische Variante des „How are you?“ ist folglich „Khana khanu bhayo?“ (“Hast du schon gegessen?”). Ich werde auch ständig gefragt, ob ich schon meinen Reis hatte und dann lüge ich ganz unverhohlen, dass das natürlich der Fall sei. Wer mich kennt, weiß dass ich alles Mögliche, aber auf jeden Fall nicht zweimal am Tag Reis mit Linsenbeilage essen würde:) Jedoch beruhigt es den Fragenden ungemein und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit, dass auch bei mir die Welt in Ordnung ist. Glücklich und zufrieden kann er seinen Tag fortsetzen, und wird mich auch morgen wieder fragen. Wie soll man einem Nepalesen auch erklären, dass man Tierfutter wie Haferflocken und Obst isst?

frischer Reis
Passend zum Thema und für alle Liebhaber des schlechten Geschmacks – Das ultimative Reis-Lied! Helge Schneider - Es gibt Reis

Momentan ist die Zeit der Reisernte und man nachdem der Reis mit Handarbeit und Muskelkraft geerntet wurde, wird er auf den freien Plätzen der Stadt auf Plastikplanen getrocknet.



Nach der Ernte

Was vom Reis übrig blieb...

Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass viele Frauen nur auf der linken Hand lange Fingernägel züchten und lackieren. Es ist so, dass die rechte Hand zum Essen und Schreiben da ist und sozusagen „vernünftig“ bleiben muss, wohingegen auf der linken sich die weibliche Kunstfertigkeit austoben kann.
Es gibt lustigerweise auch eine männliche Variante dieses Denkens: Der lang gezüchtete kleine Fingernagel! Als ich das das erste Mal sah, dachte ich, der sei zum Koks-Schnüffeln da. Die Männer hegen und pflegen ihren langen Fingernagel und finden ihn ziemlich cool. Für mich widerspricht sich das Ganze etwas mit der herrschenden Ansicht, dass die linke Hand unrein sei. 

Noch ist mir die nepalesische Seele in vielerlei Hinsicht ein Rätsel... Und nicht nur wenn es um Reis geht!
  

Sonntag, 30. Oktober 2011

Mero ghar ramro chha*

* Mein Haus ist schön

Wie schon angekündigt, stelle ich endlich die Bilder von meinem neuen Haus online! Es ist rustikal, traditionell und mein kleiner wahrgewordener Traum.

Bisher hatte ich im ILBS Nepal Office gelebt, jedoch hatte ich dort keine Küche zur Verfügung. Darüber hinaus hat die Gemeinde mit der Verlegung der Wasserleitung geschlampt und jede Woche musste Prasant für mich sehr umständlich Wasser in meinen Tank pumpen - von einem anderen Haus zu mir rüber.

Ich hatte also begonnen unverbindlich herumzufragen, ob denn nicht jemand eine billige Unterkunft mit Küche und Wasser hätte und - voilà! - schon wurde ich fündig. Ein wohlhabender Lehrer, der auf einer Privatschule unterrichtet, ist mit seiner Familie vor fast einem Jahr in ein neues, modernes Betonhaus gezogen. Ihr traditionell gebautes Haus (aus Lehm, Kuhdung und tausend anderen obskuren Mitteln) in der Mitte von Panauti steht seitdem leer und er sagte zu mir, dass es ihm eine Ehre ist, es mir kostenlos zu überlassen. Selbst Wasser und Strom möchte er bezahlen, aber das lass ich natürlich nicht zu.

Kurzerhand bin ich umgezogen... in mein eigenes Haus. Plötzlich war ich auch nicht mehr die weiße Frau, die in einem Büro lebt, sondern ein Teil der Gemeinschaft. Die Nachbarskinder schenkten mir Kerzendochte, damit ich morgens meine Öllampe anzünden kann und zeigten mir, wie ich meinen heiligen Stein vor dem Hauseingang richtig weihe. Seitdem habe ich die (schöne) Verpflichtung jeden Morgen vor meiner Tür zu kehren, meinen Stein mit brauner Farbe einzuschmieren, um danach rote Tika und Blütenblätter draufzustreuen. Jeden Morgen werde ich von all meinen Nachbarn beobachtet und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie ... stolz auf mich sind. Mehr und mehr gehöre ich dazu. Jetzt muss ich nur noch Nepali lernen;)

Die Räume bedarften leider sehr viel Pflege und ich konnte noch nicht alle verschönern... Aber hier nun endlich die Fotos!

Wenn man mein Haus betritt, kommt man an den Reisvorräten der Besitzer vorbei...


...in den Hof, wo der Wasserspeicher, die Toilette und die Küche ist.


Zur Küche gehts rechts


Meine Küchenzeile
Momentan beschäftige ich mich damit, die Küche GELB zu streichen, weil der Schimmel einfach fürchterlich ist. Er kam fingerdick aus der Wand heraus, bevor ich ihn mit Mundschutz abgeschabt habe. Leider ist die Küche kalt und feucht und ungemütlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, hier mal jemanden zum Essen einzuladen. Immerhin wird das Gelb sie etwas gemütlicher machen...

Richtig erkannt: Das Weiß wird im Wasserkocher angerührt,
das Gelb im einzigen Kochtopf


Beim Bad und der Toilette zeigt sich der nepalesische Standart von "sauber"...

Hier muss noch ordentlich Hand angelegt werden
Auch wenn das so nett nach Dusche aussieht: Das Wasser ist so kalt, dass man leider sofort stirbt, wenn man sich unter den Duschkopf stellt. Die rote Schüssel und etwas heiß gekochtes Wasser helfen weiter. An alle Warmduscher zu Hause: Ihr Glücklichen!!!

Das war nicht ich, das war schon so
Sobald ich Gummihandschuhe ausfindig gemacht habe, werde ich meine Chemiekeule benutzen und da mal ordentlich durchschrubben.


Mein Zimmer befindet sich im ersten Obergeschoss. Ich bin gerade mitten im Einrichten... Alle, die mich näher kennen, werden sofort sehen, dass ich hier endlich meine Obsession mit Kreisen ausleben kann:)

Gerade dabei, meine Fotowand zu kleben




Mein Bett, nepali style

Zwischen den Fenstern, die zur Straße zeigen, befindet sich eine kleine Nische für ram, Gott. Noch fehlt eine kleine Buddhastatue aus Lehm, aber das Bild füllt vorerst diese Lücke. Jeden Morgen zünde ich ein Licht (mit den geschenkten Dochten) und Räucherstäbchen an und bin dankbar, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. 

Buddha

Es hat sich herausgestellt, dass es noch einen weiteren Vorteil gibt, in das Haus zu ziehen. Eine ehemalige Mitbewohnerin von mir, Imke aus Oldenburg, kommt nach Nepal und möchte gerne als Volontärin tätig sein. Kurzerhand habe ich ihr fürs Erste eine Stelle an meiner Schule organisiert und ihr ein Zimmer in meinem Haus angeboten. Noch weiss ich nicht, was für Pläne sie in Nepal haben wird, aber es ist immerhin ein erster Anlaufpunkt, ein Basislager sozusagen. Imke hat das Angebot angenommen und nun werden wir in Panauti die Oldenburger Delegation aufbauen - ich freu mich unglaublich auf sie!

Im selben Stockwerk ist noch ein zweites Zimmer. Hier habe ich für Imke zwischenzeitlich ein Bett vorbereitet und sobald sie da ist, wird sie es sich gemütlicher einrichten.



Die Tür auf dem Foto führt auf den Balkon, auf dem sich unser Wasservorrat und ein kleiner Garten befinden. Dank Situ wurde er mit Tulsi (Tee!), Lilien und anderen Blumen bereichert:)


Die Bohnen sind zum Bersten reif... yam yam yam!

Ein Stockwerk höher ist ein abgeschlossenes Zimmer, mein kleiner Lagerraum und ein weiteres großes Zimmer. Vielleicht werde ich dort Wäsche zum trocknen aufhängen? Also ich hatte ehrlich gesagt noch nie zuvor das Problem von zu viel Platz gehabt, eher umgekehrt. Ich freue  mich über Vorschläge!



Und dann gibt es noch ein Stockwerk, in dem zwei weitere abgeschlossene Zimmer sind (In denen Möbel und Mäusefutter.. äh Reissäcke gelagert sind). Dazwischen gibt es einen freien Raum. Hier träume ich von meinem Atelier. Mal sehen, ob ich die magische Grenze zur Realität beschreiten werde.


Ob es wohl eines Tages ein Atelier sein wird...?
Das ist mein kleiner großer Stolz und ich personalisiere es von Tag zu Tag. Situ hat schon Witze gemacht, dass ich es vielleicht kaufen sollte, wenn ich fertig bin.

Morgen Nachmittag holen Prasant, Subesh und ich Imke am Flughafen Kathmandu ab und bringen sie als Erstes nach Panauti... und dann werden wir sehen, wie sich alles entwickelt.

Es bleibt spannend :)

 

Freitag, 21. Oktober 2011

Schon wieder versumpft

Meine lieben Freunde,
leider bin ich schon wieder versumpft und komme nicht zum Schreiben. Mein Kopf ist voller Eindrücke und mein Moleskine ist vollgeschrieben, aber ich bin hyperaktiv und nie zu Hause. Und hier der momentane Grund, warum ich meine Freunde im Skype und im Blog vernachlässige: Ich verschönere gerade Damodar Sirs Hotel. Er unterrichtet mit mir an der Schule und hatte vor ein paar Wochen einen ganz schlimmen Motorradunfall (ein anderes Motorrad ist ihm frontal ans Bein gefahren und hat ihm Haut und Muskel abgerissen. Zum Glück konnte alles gerettet werden und in einem Monat kann er wieder laufen). Als ich ihn mal besucht habe und da so rumsaß, hat es mich gepackt. Ich hab so einen Verschönerungs-Wahn und kann eh nicht still sitzen. Idee, Konzept und Farben waren schnell bereit und fortan male ich täglich mein Riesenbild. Blöd nur, dass ich täglich zwischen Dhulikel und Panauti pendeln muss, weil ich ja noch unterrichte. Das kostet mich zwar sehr viel Zeit und Energie, aber die glücklichen Gesichter der Hotelbesucher und Damodars Familie geben mir wieder Energie.
 
In einem Monat sind die Wolken verschwunden, die die hiesigen Berge umhüllen und man kann dann sehen, wofür Dhulikel berühmt ist: Sein wunderschönes Bergpanorama. Und genau diese Berge male ich gerade an die Küchentrennwand in Damodars Hotelrestaurant.


Beweisfoto ;)

Damodars Familie ist überglücklich

Der status quo - noch bin ich nicht fertig
Ich schätze, dass ich noch einen Tag brauche und dann habe ich beide Wände beendet (es geht nämlich noch um die Ecke).
 
Danach bin ich leider noch mal zwei Tage versumpft, weil ich - - - UMZIEHE! :) Ja, genau. Ich glaube, es ist dann das fünfte Mal dieses Jahr? Mein neues zu Hause ist ein traditionelles Newari-Haus in der selben Straße, in der ich zur Zeit wohne. Was, wo, wie werde ich nach dem Umzug inklusive Bilder nachliefern! Ich freu mich unglaublich und habe heute Nacht sogar schon von meinen neuen vier Wänden geträumt.

Und noch ein paar Worte an die Menschen, die mir besonders nahe stehen: Diana, Mama, Wero. Ich denke jeden Tag an euch und mich zerfrisst das schlechte Gewissen, dass ich unseren Kontakt im Skype nicht pflege. Bitte nimmt es mir nicht übel und versteht meine Abwesenheit nicht falsch. Ich vermisse euch schrecklich und wünsche mir nichts eher, als mich wieder mit jeder von euch ausgiebigst im Skype auszutauschen.

Und ich kann es kaum erwarten, Diana wieder Gitarre spielen zu hören. (üb!!)

Ich liebe euch. Bis bald!

Dienstag, 18. Oktober 2011

Männerfreundschaften

Händchenhalten unter ausgewachsenen Männern ist in Nepal nichts Ungewöhnliches. Wo wir the smell of gayims wittern, empfinden die Nepalesen einfach nur gute Freundschaft und finden es eine schöne Geste. Ganz selbstverständlich fassen sie sich an der Schulter an, umarmen sich, sind sich nahe.

In Kathmandu habe ich tatsächlich Männer im Businesskostüm gesehen, die händchenhaltend in ihre Mittagspause gehen.

Treffen sich zwei Männer auf ein kurzes Gespräch

Während die Mädchen sich gegenseitig mehr oder weniger grob behandeln, gehen die Jungs miteinander verblüffend liebevoll um. Auf der Schule habe ich Jungs beobachtet, die sich fest umarmen, gegenseitig füttern und gegenseitig auf dem Schoß sitzen. Ohne einen einzigen Hintergedanken. Da fragt man sich natürlich: Was ist in unserem fortgeschrittenen Europa schief gelaufen? 

Es gibt doch dieses lustige Video auf Youtube, das erklärt, wie sich Männer richtig umarmen sollen, ohne schief angesehen zu werden (How to give the perfect man hug). Das Tragikkomische an diesem Video ist, dass es gerade deswegen alle zum Lachen bringt, weil es so wahr ist.

Der Verdacht auf Homosexualität ist ein Bestandteil des europäischen Äthers und alle Männer atmen ihn ein. (...wenn ich mich ein wenig amüsieren möchte, stelle ich mir vor, wie ein Nepalese in einem deutschen Großraumbüro Angst und Schrecken mit seiner männerfreundschaftlichen Art in verbreitet...hihi...) Eigentlich ist es schon traurig, in was für eine Isolation die europäischen Männer da verdammt werden; denn unter Frauen geht man schon viel vertrauter miteinander um. Dabei finde ich es sehr sympatisch, wenn sich auch Männer ohne Bedenken eine Kachel aus ihrem Ofen schenken!

Liebe westliche Männerwelt, warum so scheu? Ich glaube hier könnt ihr etwas von den Nepalesen lernen.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Die Tempelglocke

Ich wohne in einem Haus am Ende der Straße und habe nur einen Nachbarn: Ganesha. Der Hindugott in Form eines Elefanten wohnt im Schrein nebenan und wie es so üblich ist, hat er seine eigene Glocke.

Die Glocke

Jeder gläubige Hindu läutet diese, bevor er seine Weihegaben niederlegt. Je nachdem, wie wichtig ihm der Schrein oder seine Bitte an Ganesha ist, wird die Glocke mehr oder weniger leidenschaftlich gebimmelt. In meinen ersten Nächten hörte ich die Glocke jedes einzelne Mal – ab 4 Uhr morgens bis zum Nachmittag und jedes Mal saß ich aufrecht im Bett. Man muss dazu sagen, dass sie, verglichen mit anderen Schreinen, ziemlich groß und laut ist. Zum Glück ist der Mensch ein Gewohnheitstier und mittlerweile habe ich mich an den Klang gewöhnt und fahre nicht mehr jedesmal auf, wenn sie ein Betender benutzt. Was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich mit den Mitbewohnern von Panauti täglich gegen 4 Uhr aufwache;)

Der Schrein
Noch mehr Glocken!

Aber warum muss denn ständig die Glocke am Schrein geläutet werden? Welcher Terrorist kam denn auf diese Idee? Reicht es denn nicht, wenn man seine Gaben einfach betend vor Ganesha legt? Subesh erklärte mir dazu, dass man nicht ohne Weiteres an eine Götterfigur herantreten darf. Man muss sich einerseits ankündigen und auch den Gott zu sich heran klingeln. Die Glocke dient als Bindeglied zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre.

In dem Kulturkreis der Newari thront auf der Glocke eine Schlange und es gilt der Glaube, dass sie die männliche Energie in der Welt repräsentiert, wohingegen die Glocke selbst für die weibliche Energie steht. In Tibet hingegen findet man eine andere Symbolik, aber sie entspricht dem gleichen Muster. Bleibt die Glocke stumm, stehen beide Prinzipien auch blind nebeneinander. Erst durch das Schwingen und Läuten ergeben sie eine sinnvolle Einheit, die die Harmonie des Universums widerspiegelt.
 
Das tibetische Vajra.
Es zerstört das Negative, ist aber selbst unzerstörbar.


Es symbolisiert das aktive männliche Prinzip (upaya – die schaffende Kraft) und wird in der rechten Hand getragen. Das passive weibliche Prinzip (prajna – die Weisheit), wird durch die Glocke repräsentiert und mit der linken Hand geläutet. Nur beider Interaktion kann im Vajrayana Buddhismus zur Erleuchtung führen.

Ein Boddhisatwa mit seiner Geliebten Dharmavajra

Und hier eine andere Interpretation männlicher und weiblicher Prinzipien, die zur Erleuchtung führen kann;) Es ist aber nicht sexuell zu verstehen, sondern metaphorisch. Im Prinzip ist es nicht unterschiedlich von dem, was wir Europäer unter Ying-Yang verstehen – nur dass es hier in Nepal yab-yum (Vater-Mutter) heißt.

Auch Prasant hat mir einen interessanten Aspekt gesagt. (Habe ich schon erwähnt, dass er nicht nur Fotograf, sondern auch gelernter Heilpraktiker ist? Leider praktiziert er nicht mehr, aber er weiß alles über Ying und Yang, den Chi-Fluss, Akupunktur, usw.) Er erklärte mir, dass der Klang der Tempelglocke auch therapeutische Wirkung hat. Er beruhigt und kann uns in einen meditativen Zustand führen. Dieser Gedanke ist mir nicht neu, da ich in Polen einmal Gong-Sessions besucht habe, deren Sinn es war auf einer Yogamatte zu liegen und sich mit geschlossenen Augen eine Stunde lang be-gongen zu lassen. Es war das erste Mal, dass mein Gehirn sich in einem meditativen Zustand ausschaltete. Nach dieser Erfahrung hörte ich die Welt des Klangs buchstäblich mit anderen Ohren. Von der Gong-Meisterin lernte die ich auch Theorie kennen, dass man schöne Klänge in die Seele hineinlassen soll und hässliche Störgeräusche ohne Bewertung vorbeirauschen lassen soll.

In der Praxis sieht es aber so aus, dass das Ticken einer Wanduhr mich nachts vollkommen wahnsinnig machen kann. (Meine Familie muss nach meiner Abreise immer die Uhren in diversen Schränken zwischen Bettlaken und Handtüchern suchen…hihiJ) Meditation hin oder her – Sperrt man mich mit einer tickenden Uhr in einen Raum, fühle ich mich klaustrophobisch gefangen in einer schwarz-weiß-gekachelten (Philipp, das ist für dich!) monotonen Geräuschwelt, in der ein ewig selber Ton kalt und erbarmungslos auf mich hinunter tropft! Uaaaarhg!!


Und auch Situ sagte etwas Interessantes zum Läuten der Tempelglocke. Durch das Läuten werden nämlich Umwelt, Körper und Seele gereinigt und sind bereit für die Begegnung mit der Gottheit. Es gibt sogar Theorien, die behaupten, dass diese Schwingungen die Wasserpartikel in unserem Körper neu anordnen und uns somit neu formatieren. Wenn man also laut dieser Theorie ein gutes Glockenspiel zu Hause aufhängt, reinigt es den Raum und uns von negativen Schwingungen. Insbesondere Glocken aus Kristall, Keramik oder qualitativ guten Metall, die saubere und sanfte Schwingungen und ganz klare Töne erzeugen, sollen diese Wirkung haben. Im Gegensatz zu diesen riesigen billigen Blechglockenspielen, die in diversen deutschen Vorgärten vor sich hin dröhnen.
In der Ayurveda-Heilkunde gibt es auch spezielle Musik, Gandharva-Veda-Musik, die diese Wirkung auf die menschliche Seele haben soll. Sie wird auf den Rhythmus unseres Atems, Pulses und Tages zurückgeführt und soll die kosmische Harmonie widerspiegeln. Wie meine Gong-Meisterin damals sagte: Alles ist Schwingung. Auch Mantras, die man gebetsartig vor sich her sagt, können in uns etwas zum Schwingen bringen.  

Ich liebe es, Gebetsmühlen zu drehen
Bei jeder gedrehten Gebetsmühle sagt man das Mantra OM MANI PADME HUM. Dieser Text ist auch auf ihnen eingraviert

Auch Derwische haben das Drehen für sich entdeckt und wirbeln in Ekstase ihrer inneren Reinigung entgegen. Ob etwas sich regelmäßig dreht oder sinuskurvenmäßig schwingt – das Prinzip ist gleich.

Persönlich habe ich es noch nicht ausprobiert, aber ich bin im Grunde davon überzeugt, dass Töne unsere Seele färben. Und ein wenig kristallines Blau oder warmes Orange können auch den grausten Großstadttag aufhellen. Vor allem in unserer westlichen Gesellschaft, wo wir aggressive und traurige Musik kultivieren. Das ist mir auch erst hier in Nepal richtig bewusst geworden. Die Musik, die hier gehört wird, ist vollkommen anders. Hier ein Beispiel für positiven Nepali-Brainwash:


Man sollte probeweise Emos mit dieser Musik beschallen und gucken was mit ihnen geschieht;) Vielleicht zerfallen sie zu Asche wie Vampire, wenn sie mit Tageslicht in Berührung kommen?

Schließen möchte ich mein Glocken-Intermezzo mit den letzten Versen von Schillers Gedicht „Die Glocke“:

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch über'm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Domes, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr' im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.
 

Amen:)
  

Dienstag, 11. Oktober 2011

Wahrheit tut weh

Es begann mit einem Schulausflug. Ich war leider schlecht vorbereitet, nicht informiert wohin es eigentlich geht und der Akku meiner Kamera war nach dem Gruppenfoto leer.

Laxmi Sir, der Schuldirektor der Schule auf der ich unterrichte, hat an seiner Schule die Tradition, jährlich einige Privatschulen sowie das SOS Kinderdorf zu besuchen, das im (großen) Gemeindekreis Kavre liegt. Mit dabei war die 8. Klasse. Laxmi hat das als Schulausflug verkauft und erst fand ich die Idee mit dem Kinderdorf gut. Warum sollen die Kinder nicht auch sehen, wie notbedürftigen Kindern derselben Gemeinde geholfen wird?

Immer schön Mädchen und Jungen getrennt ;)

Als wir mit unserem ausgedienten deutschen Bus in den abgesicherten Bereich einfuhren, ist uns wirklich allen die Kinnlade runtergekippt. Aus runden Kindermündern ertönte ein großes staunendes Woooooaaaawww!

Ein wahnsinniges Grün und Bunt und Sauber strahlte uns entgegen. Mein erster Gedanke war: „Boah, haben die Geld!“ Wir stiegen etwas benommen aus dem Bus und wurden vom Dorfleiter empfangen.

Bilder sind hier zu finden: http://www.asien.l-seifert.de/Waisenhaus/Banepa-2.html Es ist zwar das Kinderdorf in Banepa, aber alle sehen sie gleich aus. (Aus urheberrechtlichen Gründen verweise ich lieber auf den Link anstatt die Bilder hier hochzuladen)

Er führte uns durch das Dorf in einen Empfangsraum, in dem er eine Rede hielt. Er erklärte in Nepali und Englisch, dass in dem Kinderdorf an die 210 Kinder leben, wovon aber 70 sich momentan auf einer höheren Schule in Kathmandu befinden. Das Dorf nimmt elternlose Kinder auf und dient als Ersatzfamilie, zu der sie immer zurückkehren können. Wie kommt es, dass es hier so viele Waisenkinder gibt?

http://schools-wikipedia.org/sos/sponsor-a-child/asian-child-sponsorship/nepal.htm Hier stehen mehr Informationen. Was der Dorfleiter damals unterschlug, war, dass auch bedürftige Kinder auf der Umgebung täglich dort die Schule besuchen dürfen.

Die Dame, die für das Fundraising zuständig ist, führte mich an ihren Arbeitsplatz. Da war tatsächlich ein richtiger Schreibtisch mit Computer und Schreibtischstuhl. Es sah wie ein deutsches Büro aus und die Dame setzte sich hin und erklärte, dass sie von hier aus täglich Gelder für das Dorf einsammelt. Es gibt an die 200 Spender aus Deutschland.

Die Führung ging weiter durch das Schulgebäude, das sogar in einem besseren Zustand war als mein gutes altes Gymnasium. Ich würde fast sagen, es hat deutsches Privatschulniveau. Wir liefen am Sekretariat, einer wunderschönen Bücherei und einer Vitrine mit polierten Pokalen vorbei. Im Schulhof saßen Kinder mit gefüllten Essenboxen und vesperten. Meine Kinder rieben sich hungrig den Bauch. Als wir am Fest- und Musizierraum vorbei gingen, erklärte der Dorfleiter, dass sie ein Piano und „nur“ neun Violinen hätten. Nur neun Violinen? Hallo? Ich würde einen Freundentanz aufführen, wenn meine Schule hier auch nur ein billiges Xylophon hätte.

Mich begann das Übermaß zu reizen. Es ist einfach übertrieben bunt und grün und wohlhabend. Die scheinen sich echt den Kopf zerbrechen zu müssen – Wohin nur mit dem ganzen Geld! Meiner Meinung nach hätte es etwas weniger auch getan. Auch meine Kinder sind aus armen Familien und schwierigen Verhältnissen. Warum muss das Geld ausschließlich hier sein? Geht hier alles mit rechten Dingen zu?

Wir kamen vorbei an kleinen angelegten Küchengärten und der Dorfleiter erklärte uns die unterschiedlichen Gewürze. Wie schön für euch, dass ihr Zeit und Raum für sowas Niedliches habt! Ich wurde ganz gehässig.

Um uns herum tobten die SOS-Kinder ausgelassen, glücklich, sauber, wohlgenährt in schicken Hemden und Krawatten. Denen geht es einfach zu gut. Meine Kinder in ihren zerknitterten und schmutzigen Kleidern fühlten sich zusehends schlechter, manche klagten über Kopfschmerzen und baten um Erlaubnis zum Bus zurück zu kehren. Am liebsten hätte ich 10m-Arme gehabt und alle Kinder auf einmal umarmt und vor diesem ganzen Glanz bewahrt.

Als ich so durch das Kinderdorf geführt wurde, ging irgendwas in mir kaputt. Ich glaubte doch stets (naiv?) an Gerechtigkeit. Schritt für Schritt wuchs eine große Wut in mir, dass ich unseren Führer am liebsten getreten hätte.

Es kam mir schon alles schon so verdächtig vor. Und ich sollte Recht behalten: Wie wir so auf dem Pausenhof warten, kommt eine meiner Schülerin mit einem Mädchen aus dem Kinderdorf Hand in Hand auf mich zu. Ganz stolz verkündet sie, dass das ihre Schwester sei. Später sollte ich herausfinden, dass das Gang und Gäbe auf dem SOS Kinderdorf ist und einflussreiche Familien mit guten Kontakten ihren Kindern auf diese Weise eine Ausbildung auf Privatschulniveau sichern. Und das kostenlos. Und gestern erfahre ich tatsächlich, dass auch Laxmis Sohn einige Zeit im Kinderdorf unterrichtet wurde. Und der ist weiß Gott nicht bedürftig! Ein guter Freund, Situ, sagte mir sogar: „You should go there once in the morning and watch all the parents who drop their children at this school by car.” Wer einmal in Nepal war, weiß, dass nur eine Elite sich ein Auto leisten kann.  Dann meinte er noch: „And those who deserve this school work at the rice fields.”


An diesem Tag haben wir perfekte Menschen besucht, Geld und Schönheit gerochen und erlebt, was wir nicht haben können. Ich fragte mich: Wie um Gottes Willen soll ich die Kinder morgen in unserer erbärmlichen Schule motivieren? Man muss ihnen doch Hoffnung geben, nicht nehmen.

Am Ende des Tages war ich sehr böse mit dem Direktor, dass er seiner Abschlussklasse zeigt, was sie nie haben können. Wie kann man diesen Kindern nur suggerieren, dass sie Menschen zweiter Klasse sind? (Er versprach, solche Trips in Zukunft zu unterlassen. Wir werden sehen.)

Mein Fazit das Kinderdorf betreffend, ist natürlich nicht positiv. Aber ist es auch nicht naiv zu glauben, dass in einem Land, das offensichtlich durch Vetternwirtschaft und Korruption regiert wird, Spendengelder bei den Bedürftigen ankommen? Insbesondere dann, wenn man die Institutionen in nepalesischer Selbstverwaltung lässt? Ich lernte an diesem Tag, dass die persönliche Präsenz vor Ort mehr wert ist als Geld. Nehmen wir an, es gäbe einen Deutschen, der über mehrere Monate lang in dem Kinderdorf arbeitet und nach dem Rechten schaut. Wenn sich dann nichts ändern würde, würde ich die ganze Institution SOS Kinderdorf in Frage stellen.

Subesh, Sujit und Prasant haben mehrere Hilfsorganisationen ausprobiert, deren Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte. Sie engagierten sich und versuchten, es immer ein bisschen besser zu machen. Es endete stets damit, dass ihre Eifrigkeit ausgenutzt wurde und sobald eine Spendenzahlung ankam, wurde mit diesem Geld eine dicke Feier in einem Hotel organisiert. Der Betrag, der am Ende am Hilfsprojekt ankam, war dann lächerlich. Auch haben sie mehrmals erlebt, dass die Organisationen komplett gar nichts machten und sich damit persönlich bereicherten. Resigniert haben sie diesen zwielichtigen Organisationen den Rücken gekehrt und versuchen jetzt auf eigene Faust bei kleinen Projekten vor Ort was zu verändern. Und so kam die Idee mit der ILBS Nepal in Panauti wie gerufen.

Ich weiss, die Welt ist häßlich, böse und gemein. Aber ich glaube an das, was ich hier tue und lass mich davon nicht abbringen. Eben auch deshalb, weil ich es selbst in die Hand nehme.
  

Samstag, 8. Oktober 2011

Das Dashain - Festival

Achtung! Der folgende Beitrag enthält ab der zweiten Hälfte Bilder und Inhalte, die nichts für sensible Gemüter sind! Es geht um die Schlachtung von Tieren.

…nein, mein Blog ist nicht eingeschlafen. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, das Dashain-Festival zu feiern und bin auf diversen Feiern und Familienbesuchen versumpft:) Das Festival dauert insgesamt 15 Tage und gilt als das größte und wichtigste Hindu-Fest. Es ist so stark auf Familie und Konsum ausgerichtet, dass es mich zwangsläufig an unser Weihnachten erinnert.

Während der ersten neun Tage stehen die Leute teilweise um 2 Uhr oder 3 Uhr morgens/nachts auf, um durch den Ort zu spazieren oder von Tempel zu Tempel weihe zu tun. (Ich habe aufgehört mich zu fragen, was die Nepalesen ständig dazu drängt zu den unmenschlichsten Zeiten aufstehen zu müssen.) In der ersten Nacht machte ich diese Tempelrunde mit und ich sah viele Leute schwere Eimer durch die Gegend schleppen. Laxmi erklärte mir, dass sich darin die schlammige Erde vom Fluss befindet, die dann mit Kuhdung vermischt wird und in die dann spezielle Bohnensamen gepflanzt werden. Nach einigen Tagen keimen die Bohnen und es wachsen grasähnliche Stile aus ihnen heraus, die man Jamara nennt.

Dieses heilige Bohnengras wird dann zeremoniell verwendet. Nach sieben Tagen wird nämlich Fulpati gefeiert: Die (wenn möglich, männlichen) Familienoberhäupter weihen ihre Familienmitglieder mit einer speziellen Tika, die mit Reis vermischt wurde, geben ihnen etwas Geld und von dem Bohnengras.

Laxmi ganz stolz nach der Pooja ("Weihung")
Männer stecken es sich hinter die Ohren, Frauen befestigen es sich kunstvoll im Haar. Obwohl ich kein Familienmitglied bin, durfte ich selbst auch an so einer Zeremonie teilnehmen und bin jetzt für die nächsten Jahre ausreichend geweiht worden.

Subeshs Vater gibt mir die Tika

Die rote Reis-Tika soll die Blutbande symbolisieren. Ich finde, am Ende sieht man ein bisschen so aus, als hätte man ein böses Geschwür auf der Stirn;)

Das Dashain-Festival steht dafür, dass man Zeit mit Familie und Freunden verbringt und als Mann Karten spielt; auch gerne um Geld. Die Kinder lieben diese Zeit, denn für sie werden spezielle Schaukeln gebaut, ping genannt, mit denen sie sich in ungeahnte Höhen schwingen. In Deutschland würde man das aus Sicherheitsgründen sofort verbieten:)

PING! Ist das nicht ein tolles Wort?:)

Auch lässt man traditionell Drachen steigen, um die Götter daran zu erinnern, dass die Regenzeit vorbei ist. Der mythologische Hintergrund von Dashain ist, dass man den Sieg der guten Götter über die bösen Dämonen feiert. Es ist aber alles so schrecklich verwirrend für Nicht-Hindus wie mich!

Und nun kommen wir zu dem Teil des Dashain-Festivals, vor dem ich oben gewarnt  hatte. Es werden Unmengen von Tieren geschlachtet und das jeden Tag. So wie man Käsefußgeruch nicht erwartet, wenn man eine Moschee betritt, so erwartet man nicht, dass während der Dashain-Zeit permanent ein stechender Geruch von Verwesung in der Luft hängt.
Weihegaben vor einem Tempel in Bhaktapur

Der Hintergrund der Schlachtungen ist, dass man den Göttern weiht, aber eigentlich wissen nur noch wenige, welchen Göttern genau und für welchen Zweck. Ich unterstelle den Nepalesen jetzt einfach ganz gemein, dass sie einfach nur der Fleischeslust frönen wollen.

Morgens, halb 10 in Panauti: "Opi, kaufst du mir ein Eis?"
Hier ist die Ziege, die mein Leben verändert hat.


Sie wurde für 100.000 NPR gekauft, was circa 100 EUR entspricht. Für nepalesische Verhältnisse ist das unglaublich viel Geld!

Ihr wurde ein Teller mit Futter hingestellt und während sie friedlich fraß, hackte man ihr von hinten den Hals durch.


Man lässt das tote Tier ausbluten.


Das Übergiessen mit heißem Wasser erleichtert es später, die Haare auszurupfen. Das Enthaaren ist der langwierigste Part. Es dauerte fast zwei Stunden, bis alle Haare weg waren.


Mit einer speziellen Mischung aus Gewürzen und Asche wird sie einmassiert. Einerseits hält es die Insekten fern und anderseits ist es schon die erste geschmacksgebende Marinade.


Nachdem die Gliedmaßen entfernt wurden,


beginnt man die Ziege auszunehmen.


Die glitzernden und sauber abgetrennten Organe sind von einer überraschenden ästhetischen Schönheit. Ich verfiel in poetische Gedanken über die innere Schönheit, die Gott in uns alle hinein-komponiert hat. Es ist solch eine perfekte Funktionsaufteilung und doch arbeitet alles zusammen in einem Organismus.

Der Geruch beim Spülen der Verdauungsorgane ist fürchterlich.


Der Kopf wird verbrannt. Irgendeine Flüssigkeit kommt schäumend aus der Nase heraus.



Die geöffnete Rippe ist von solch einer überraschenden Sauberkeit.


Man hört das klare Knacken der Wirbelsäule.

Aus den Lungen wird der letzte Atemzug herausgepresst.


Der letzte Schritt ist nun das gerechte Aufteilen des Fleisches und sämtlicher Organe in mehrere Portionen. Hier wurde das Tier auf 10 Teile aufgeteilt und somit hatten 10 Haushalte geweihtes Fleisch. Nichts würde übrig gelassen; auch der Kopf wurde gerecht aufteilt. Allein die Schwanzspitze, die Hufe und die Ohren blieben übrig.


Was bedeutet es, Fleisch zu essen?

Hier ist das Schlachten in der Öffentlichkeit etwas Normales. Hier wird ein Zicklein für eine Firma und das Firmenauto geopfert. Das Bespritzen mit Blut bringt Glück für das nächste Jahr und soll an den Wert des Fahrzeugs erinnern.



Hier wird ein Truck dekoriert, nachdem auch dieser für das nächste Jahr geweiht wurde.

Was ist der Unterschied zwischen einer Schlachtung, dem Fotografieren dieser und dem Onlinestellen der Bilder?


Jeden Tag wird in Deutschland bedenkenlos Wurst zum Frühstück gegessen und meine Bilder hier sollen anstößig sein? Ich war schon immer der Meinung, dass der, wer laut aufquiekt, wenn er rohes Fleisch sieht, es nicht verdient hat, das Fleisch im Supermarkt fertig und abgepackt geschenkt zu bekommen. Diese Personen möchten nicht daran erinnert werden, dass das was sie essen einmal lebendig war. Sie entziehen sich ihrer Verantwortung als Fleischkonsumenten.

Moralisch habe ich schon seit langem große Bedenken gegenüber Fleischkonsum gehabt. Denn selbst wenn das Fleisch den Bio-Siegel aufgestempelt hatte, weiß ich doch, dass der Begriff „Bio“ sehr dehnbar ist und das Tier dennoch viel gelitten hat. Wenn ich für mich selbst koche, dann immer vegetarisch. Ich habe nämlich kein Bedürfnis nach Fleisch. Und wenn ich jemanden bekochte und doch Fleisch kaufte, dann achtete ich zwar auf die Qualität, war aber dennoch immer unzufrieden. Ich hatte das Tier davor ja nicht gesehen. Was für ein Futter hat es bekommen? Welche Medikamente? Und lief der Fleischtransport danach einwandfrei?

Heimlich dankte ich immer leise in mich hinein, wenn ich Fleisch vorgesetzt bekam. Mein schlechtes Gewissen aß immer mit.

Nach der oben miterlebten Schlachtung ist mein Ehrgefühl sogar noch mehr gewachsen und ich sehe für mich persönlich keinen Grund mehr, Fleisch zu essen. Ich schließe nicht aus, dass ich in einem blinden Moment der Gier einmal doch zubeiße. Aber für alle, die mich in Zukunft zum Essen einladen möchten, habe ich eine schlechte Nachricht:

Ich bin jetzt Vegetarier.