Freitag, 30. September 2011

Heute habe ich eine Sinnkrise

Es begann damit, dass ich seit Stunden in meinem Zimmer saß und an der Dokumentation über die Schule schrieb, an der ich Freiwilligendienst leiste. Ich zerbrach mir gerade den Kopf über ein Projekt über Kinderrechte, das ich an der Schule durchführen möchte, als mir alles zu viel wurde.

Ich bin der Überzeugung, dass man nicht alles mit europäischen Standards vergleichen kann und die Leute dort abholen muss, wo sie sind. Deswegen ist mir mein Herz nicht in den nächsten Abguss hinweg geschmolzen, als ich die Schule betrat. Deswegen habe ich nicht gleich die Kreditkarte gezückt, um alles neu zu machen. Deswegen nehme ich jeden, der nicht bei drei auf dem nächsten Gummibaum ist, ins Kreuzverhör und lese jeden Tag die Zeitung mit bunten Markern. Ich will verstehen: Wo sind die Leute? Wie kann man ihnen sinnvoll und nachhaltig helfen? Die Welt braucht keine weißen Besserwisser, die mal eben einen Brunnen irgendwo hinzaubern, der nach kürzester versandet, weil niemand die Pumpe bedienen / reparieren kann. Ich habe keine Angst, mich meiner Vernunft zu bedienen und möchte mich nicht vom blinden Utopismus leiten lassen.

Ich kann mit Armut und einfachen Verhältnissen sehr gut umgehen und habe Verständnis für alle daraus erwachsenden Nebeneffekte. Damit meine ich beispielsweise bildungsferne Familienverhältnisse oder den puren Mangel an Nahrung oder Kleidung. Aber was mir wirklich hart zu schaffen macht ist etwas, dem ich hier jeden Tag und ständig begegne: Vernachlässigung. Wenn man arm ist, kann man sein Kind doch trotzdem waschen. Man kann ihm mit einer Sicherheitsnadel einen Lappen ans Hemd heften, damit es sich während des Tages die Nase putzen kann. Man kann trotzdem ein gewisses Niveau an Sauberkeit im Haushalt haben, um die Parasiten einzudämmen.

In meiner Kindheit war meine Mutter eine sehr hart arbeitende Frau und wir zwei hatten es wirklich nicht leicht. Während des Tages konnte sie nicht bei mir sein, weil sie außerhalb unseres Dorfes Geld verdienen musste. Dennoch fehlte es mir niemals an Mutterliebe, Hygiene und Zuwendung. Sie hat sich trotz allem um den Haushalt und um mich gekümmert.


Jetzt frage ich mich natürlich – was läuft hier anders? Warum interessieren sich die Familien hier nicht für ihre Kinder? Gibt es keine kulturell verankerte Kinderliebe wie in der Türkei? (Ich weiß, solcher Art Vergleiche sollte ich unterlassen. Bin unverbesserlich.)

In Gedanken versunken ging ich ans Fenster, um mich abzulenken und  -  ich dachte mich trifft der Schlag. Vor meinem Fenster liegt doch tatsächlich ein halbnackter Junge auf dem kalten Beton und schläft so tief, dass sich unter seinem Mund eine Speichellache ausgebreitet hat. Die Leute liefen gleichgültig an ihm vorbei.



Ohne Nachzudenken griff ich meine Decke und eilte nach unten. Als ich ihn berührte, war er kalt und ich dachte schon für eine Schrecksekunde, er sei tot. Durch meine Berührungen wurde er aber wach, öffnete die Augen, sah mich total erschrocken an und fing sofort an herzzerreißend zu weinen. Es tat mir sogleich schrecklich leid, dass ich seine Situation verschlechtert habe, anstatt sie zu verbessern! Ich versuchte den kleinen dreckstarren Jungen zu trösten, aber … wie soll ich sagen … es war ein tragikomischer Moment: Wir sahen uns beide total schockiert an und er schrie seinen Schreck in die Welt hinaus und ich in mich hinein. Sein Popo war ganz schmutzig vom letzten Geschäft, seine Haare waren voller Dreck und Sand und sein Gesicht voll mit vertrockneter Rotze und Spucke. Zum Glück hatte ihn seine Schwester gehört und kam, um ihn zu trösten. Sie lenkte ihn mit einem Bildchen ab, das sie aus einer Zeitung ausgerissen hatte. Ironischerweise war es ausgerechnet eine strahlende Mutter mit schwarzem Seidenhaar, die ihren Wonneproppen glücklich in die Kamera hielt.

Ich erkannte das Geschwisterpaar wieder, denn ich hatte sie zuvor schon aus meinem Fenster heraus fotografiert. Sie scheinen bekannt dafür zu sein, dass sie den ganzen Tag komplett auf sich allein gestellt sind. Die kleine Schwester der Vernachlässigung trägt den Namen Einsamkeit.


Wir saßen eine Zeit lang schweigend nebeneinander, beide Parteien in irgendeiner Weise resigniert. Ich frage mich: Was kann ich tun? Und meine innere Stimme antwortete: Nichts. Die Leute um mich herum schauten mich mit diesem „Ach, immer diese dummen Touristen“-Blick an und warteten gespannt, was ich wohl als Nächstes machen werde. Besser als Kino.

Ich ging mit meiner verdreckten Decke zurück in mein Zimmer und starrte ins Leere. Da schreibt man doch tatsächlich seit Stunden in seinem Kabuff über Kinderrechte und vor der eigenen Tür besteht akuter Handlungsbedarf. Gott hätte nicht mit einem noch größeren Zaunpfahl winken können.


Mittlerweile zerfetzten die Kinder aus Langeweile ein Magazin. Sie sind arm an Kinderspielen, Liedern, Ideen, Kreativität. Es gibt nichts zu tun. Es gibt nichts zu tun.

Die zweite Schwester der Vernachlässigung trägt den Namen Unterforderung.

Ich holte zwei Bananen. Dann kaufte ich Buntstifte und Papier, um ihr Kinderleben etwas bunter zu machen.

Erst dachte ich, ich hätte einen Floh, aber jetzt stelle ich fest, dass ich von dem kleinen Jungen Läuse bekommen habe. Ich werde mich nicht an das bestehende Kastensystem halten und auch die Unberührbaren umarmen, trösten, ihnen Bananen geben. Ich kann einfach nicht anders.

Notiz an mich selbst: Ich sollte endlich die Biographie von Mutter Theresa lesen.
 

Mittwoch, 28. September 2011

Schleichwerbung

Vor einigen Tagen habe ich zwei sehr interessante Weltenbummler kennengelernt und möchte hiermit auf ihren superinteressanten Blog hinweisen!

Traumzeitlos Blog

Im neusten Beitrag wurde die Schule, auf der ich unterrichte und ich verewigt:) Danke dafür!

Sabrina und Jan - ich wünsche euch alles Gute für eure weitere Reise!

Dienstag, 27. September 2011

Power Cut

… eigentlich darf man das so nicht nennen: Es ist kein Ausschalten des Stroms, sondern eine wichtige Sparmaßnahme! Ja ja. Täglich wird in Nepal für einige Stunden der Strom ausgeschaltet. Je nach Strompreis, Wetter, Ziegenpreis auf dem Markt oder weiss der Kuckuck wonach es sich wirklich richtet, dauert er Power Cut kürzer oder länger. Als ich in Panauti ankam, waren es zwei Stunden, mittlerweile sind es drei. Dabei gibt es jetzt aber auch Sondertage, an denen der Stromausfall ausfällt (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen). Zum Beispiel heute wurde er um eine Stunde verkürzt, da ab morgen das große Dashain-Festival beginnt. Der Auftakt ist heute Nacht um 3 und ich auch werde dann durch Panauti laufen und Kerzen am Tempel anzünden. Dazu ein ander Mal mehr.

Doch zurück zum Stromausfall: Vor einigen Monaten dauerte er teilweise bis zu 16 Stunden am Tag!! Es ist einfach unvorstellbar. Das ganze Land wurde aus der Zivilisation in simpelste Lebensverhältnisse zurückkatapultiert.


Gaaanz tolle Stromausfallbeschäftigung: Blümchen auf Tischdecken sticken. Jetzt brauche ich nur noch einen Tisch.

Hier ein ganz wichtiger Link:
Die Stromausfall-Tabelle für Nepal. Ich bin Gruppe 7.


Studiert man das etwas näher, drängt sich der Gedanke auf, dass das doch eine sehr schön organisierte Schikane ist.

Es ist erstaunlich, wie man sich daran gewöhnt, zu warten. Oh, wir haben gerade Power Cut. Na, dann warten wir eben zwei Stunden, bis wir wieder was machen können. Oder: Oh, es regnet gerade in Strömen. Na, dann warten wir einfach mal so lange, bis es vorbei ist. In Panauti gibt es keine Geschäftigkeit, nur Wartende und Zeit-totschlagende Menschen. 


Ich habe da so eine Meditations-CD und an einer Stelle sagt die Stimme: „Es gibt nichts zu tun. Es gibt nichts zu tun.“ Und genau daran muss ich denken, wenn ich durch Panauti laufe. Klar hat jeder seine Verantwortung, aber ohne das Große Geld gibt es keine Eile. Selbst Ladenbesitzer sitzen rum, harren die Langeweile und ihre Lebenszeit aus.


Was tun? (Für alle Lenin-Fans: Der Avantgarde des Proletariats bin ich bislang noch nicht begegnet)


Der beste Lückenfüller überhaupt: Chiya. Bestellung lange vorher ankündigen, während der Bestellung 20 min mit dem Ladenbesitzer quatschen, dann eine halbe Stunde warten, wieder mit dem Besitzer quatschen, den Chiya langsam trinken und dabei schweigend den Regen beobachten.

Was nur tun mit der ganzen Zeit?
 
Ich glaube, dass die Zeitdiebe aus „Momo“ die ganze gestohlene Zeit nach Nepal gebracht haben. Hier ist sie sogar sicherer aufgehoben als auf jeder Schweizer Bank!

 

Selbst wenn es kübelweise Kraut zu zupfen gilt - es gibt alle Zeit der Welt dafür


Sobald die weiße Frau tatenlos herumsitzt, wird sie ganz unruhig und muss sich beschäftigen

Ich habe so meine Schwierigkeiten mit der "langen Weile". Es gibt so viel für mich zu tun hier, dass ich nicht ruhig sitzen kann und ständig mit dem Kopf schon beim nächsten Schritt bin. Alle hier sind verwundert, wie beschäftigt ich bin und machen sich große Sorgen, da ich der gestressteste Mensch in Panauti zu sein scheine. Lustigerweise bin ich aber so ausgeglichen und entspannt wie schon lange nicht mehr:)

„Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele der Ennui aufsteigen, die Schwärze, die Traurigkeit, der Kummer, der Verzicht, die Verzweiflung.“
- Blaise Pascal

Samstag, 24. September 2011

Ganz entspannt dank Kurta und Yoga

Läuft man durch die Straßen von Panauti, tragen alle Frauen die hier typische Kleidung: eine Kurta oder einen Sari. Der Sari ist ziemlich kompliziert und unbequem und wird daher eher an Festtagen getragen. Um ihn richtig anzulegen, muss man die besondere Falttechnik beherrschen und bestenfalls Hilfe parat haben. Der Sari ist unpraktischerweise bauchfrei und bekommt von mir Schwierigkeitsstufe 10 beim Aufs-Klo-gehen (man muss sich nämlich halb ausziehen und tierisch drauf achten, dass die lange Schärpe nicht ins Plumpsklo reinhängt). Gerne werden auch superfeine und superteure Stoffe aus Japan verwendet mit ganz viel Glitzer und bling* bling* :) Ja, die Nepalesen lieben Kitsch!


Hier sehen wir eine besonders kitschige Frau im roten Sari, die eine Szene aus einem Bollywood-Film nachtanzt. Die Farbe rot ist übrigens für verheiratete Frauen reserviert und nur diese Europäerinnen erdreisten sich unverheiratet rote Armreifen, Ketten oder Saris anzulegen

Die alltagstaugliche Variante hingegen ist die Kurta, in die ich mich sofort verliebt habe. Es ist ein langes Oberteil mit Schlitzen an den Seiten. Dazu wird eine sehr weite Pumphose getragen. Und nicht zu vergessen die dritte Komponente: Der Seidenschal. Entweder er wird locker umgeworfen, wie eine Schärpe gebunden oder mit Nadeln an den Schultern festgesteckt. Schon in meiner ersten Woche habe ich mir beim Schneider zwei Stoffe ausgesucht und mir daraus eine Kurta und eine Hose schneidern lassen. Ich wollte in Panauti und in der Schule nicht mehr wie ein totaler Alien aussehen.



Hier bin ich mit einigen Schülerinnen der achten Klasse. Leider kann man meine wunderschöne Schul-Kurta nur erahnen.
  
Außerdem habe ich mich von meinen langen Nägeln getrennt, um den Kindern ein gutes Vorbild zu sein. (Esther, das ist für dich!)

Vorher


Nachher


Und eine gute Nachricht für alle Schadenfrohen unter euch: Ich verstecke mein Tattoo vor den Schulkindern. Prasant hat mir nämlich klar gemacht, dass ich als weiße Frau aus dem Westen eine besondere Vorbildfunktion inne habe und mir dieser Verantwortung bewusst sein sollte. Ich sehe das ein und habe kein Problem damit. (Und: Nein, ich bereue es immer noch nicht, es gestochen zu haben. Ätsch!)

Ich vermisse es, mich mal so richtig zu schminken oder meine langen Ohrringe zu tragen. Ich dekorier mich doch so gern. Hier kann man das aber nicht bedenkenlos machen, da man erstens falsche Signale aussendet und zweitens seinen Reichtum vorführt. Natürlich sind meine billigen H&M-Ohrringe kein Reichtum, aber es sieht so anders und besonders und gut verarbeitet aus, dass alle gleich ins neidische Staunen verfallen. Prasant und Subesh dachten sogar, ich hätte echtes Gold!
Das Gleiche gilt hier für meine Oberteile und Jeans-Hosen. Ich will keine negativen Gefühle hervorrufen und zur Gemeinschaft dazugehören. Nachdem ich meine Kurta erhalten und den ersten Tag getragen habe, will ich auch gar keine Jeans-Hosen mehr. Wie kann man sich nur in sowas Unbequemes freiwillig reindrücken?

Die Kurta hat noch einen weiteren Vorteil: Man kann in ihr prima im Schneidersitz auf dem Boden sitzen und im Freundeskreis Essen zubereiten und essen.


Sunita, die Frau des Schuldirektors, und ich bereiten Unmengen von Momo zu. Und jetzt die Gretchenfrage: Wer von euch kann im Schneidersitz mit den Knien den Boden berühren?


Suchbild: Auf diesem Bild haben sich drei polnische Pieroggen versteckt. Wer sie findet, bekommt einen äußerst künstlerisch gefalteten Momo per Postzugeschickt (Versanddauer: 10 Tage) ;D


Momo-Mania total! Am Ende mussten wir noch zwei Nachbarn einladen, um die ganzen Momos loszuwerden:)

Und man kann in Kurta auch prima Yoga machen!


Hier bin ich mit Sir Damodar (ein Lehrer meiner Schule) auf einem Berg in Dhulikel und wir tanken gerade bergfrische Himalayaluft. Zuvor haben wir 1.000 Stufen zur berühmten Buddha-Statue bestiegen (das ist die auf meinem Facebookprofilbild!)

Mittlerweile habe ich es übrigens geschafft, jeden Tag um 4.30 Uhr morgens aufzustehen, um um 5.00 Uhr mit 40 (!!) anderen Dorfmitgliedern Yoga zu praktizieren. Es findet draußen auf einem überdeckten Platz statt und ich bin danach voller positiver Energie. Es ist wunderbar, ich will es gar nicht mehr missen! Was mich besonders überrascht, ist die konstant hohe Beteiligung und dass einfach jede Altersstufe vertreten ist. Kinder turnen neben sehr gelenkigen Greisen. Alle Yoga-Mitglieder grüßen sich mit einem A-U-M (was wir Westler als Ooooohm auffassen) und wenn ich durchs Dorf laufe, grüßen wir uns statt des üblichen „Namaste“ auf diese Weise … mit einem verschwörerischen Lächeln auf dem Gesicht…:)


Das Aum-Zeichen steht für den Urton, der durch das Universum und uns hindurchsummt. Wer mal buddhistische Mönche das Aum tranceartig hat singen hören, weiß wovon ich schreibe. Das Symbol ist für mich von größter Bedeutung, denn es steht für das ewig Werdende und ist der Soundtrack zu meinem Ouroboros.

Unser Yoga-Lehrer beginnt immer sehr sportlich mit Yoga-Jogging zu lustiger Hindi-Musik und trainiert mit uns danach den Sonnengruß bis zum Umfallen. Wenn wir dann alle total verschwitzt sind, machen wir ewig lange Atemübungen. Was mir gefällt ist, dass wir viel singen, klatschen, lachen und tanzen. Dieses superernste West-Yoga kam mir schon immer so verdächtig verbissen vor!

Wenn ich danach nach Hause komme, bin ich voller Tatendrang und freue mich auf mein Mittagessen um 9.30 Uhr. Der Nachteil des Ganzen ist: Um 21.30 Uhr spätestens bin ich todmüde und kann meine Augen nicht mehr….offen…halten….   … zzZZZZzzzz…


Mein kleiner feiner Rückzugsort

P.S.: Wenn wir schon beim Thema Entspannung sind: Nein, keine Drogen weit und breit! Es gibt einen Übermaß an Engelstrompeten, aber Marihuana habe ich noch keins gesehen. Und ich glaube, dass hier niemand kifft. Zumindest niemand, den ich bisher kennen gelernt habe. Aber vielleicht ist das nur eine der Touristen-Fantasien, die in Touristen-Vierteln wie Thamel (Kathmandu) ausgelebt wird.

Dienstag, 20. September 2011

Frauenwelten - Männerwelten

Gestern hat eine Schülerin Selbstmord begangen. An der Schule hatten wir deswegen heute eine Schweigeminute und ich konnte mich mit dem Weinen kaum zurückhalten. Danach ist die Schule ausgefallen und ich habe versucht herauszufinden, was ein 15jähriges Mädchen zu so etwas bewegt. Leider wussten die anderen Lehrer auch nicht mehr, als dass die Schülerin aus einem armen Haushalt kam, in dem sie vernachlässigt wurde. Den ganzen Tag war ich aufgewühlt, denn ganz unverhofft ist der Tod so nah. Der Schreck und die Trauer waren wie ein schwarzer Schrei, der sich in meiner Seele ausbreitete und meine Sonne bedeckte. Ich musste auch automatisch denken: Was mache ich hier eigentlich? Meine Familie braucht mich doch auch und ich bin so weit weg in Nepal. Was ist, wenn ihnen etwas zustößt und ich so weit weg bin?


Abschiedessen auf der Burg Landeck

Darüber hinaus erfuhr ich, dass vor zwei Monaten zwei weitere junge Menschen Selbstmord begangen hatten, weil ihnen die Liebesheirat versagt wurde.

Hier wird die Tradition der arrangierten Ehe noch gelebt und es gibt sehr wenige Ausnahmen. Natürlich wird das Land moderner und ist in den Großstädten auch offener für solche Arrangements. Aber es ist tief in der Kultur verankert, dass es nur dann „richtig“ und „gut“ ist, wenn die Familienoberhäupter über den Ehepartner entscheiden. Samanna sagte auch einmal zu mir: „In a love marriage there is only quarrel. Many people divorce and destroy the family. They make many people unhappy at once!“ Hier wird die Ehe als ein Bund aufgefasst von zwei Menschen, die eine Familie gründen, ernähren und halten sollen. Liebe ist eher störend, denn man muss sich lediglich arrangieren können und in seiner Rolle funktionieren. Leidenschaft und rosarote Liebe bilden keine stabile Grundlage für ein lebenslanges Bündnis.

Deshalb haben Verliebtheit, Liebe und zweckfreie Sexualität einen ganz verruchten Stellenwert. An meinem ersten Tag in der Schule ist eine Gruppe Mädchen wild kichernd auf mich zugekommen, um zu fragen: „Do you have a boyfriend?“ Ich war so baff, dass ich nicht wusste, ob ich die Wahrheit sagen oder lügen soll (was ist da nun pädagogisch wertvoll!). War aber auch nicht so schlimm, weil die Mädchen sich so geschämt haben, dass sie ohne die Antwort abzuwarten, wieder weggerannt sind. Ouuff :)

Darüber hinaus gibt es eine ganz strikte Trennung zwischen der Männer- und Frauenwelt. Die Frauen halten die Familien, den Haushalt und den Segen. Sie tragen die gesamte Verantwortung – die Männer hingegen lediglich einen Topi (nepalesische Kopfbedeckung ausschließlich für Männer).

Ok, das war jetzt gemein. Aber das ist, was ich sehe und was mir auch Männer bestätigen: Die Frauen stehen gegen 4 Uhr morgens auf, reinigen das Haus und gießen in ein Behältnis das erste Wasser des Tages ab. Dieses Wasser wird dem Gott geweiht, der das Haus beschützt. Erst nachdem dieses Wasser auf den heiligen Stein vor dem Haus gegossen wurde, darf weiteres Wasser im Haus verwendet werden. Danach gehen die Frauen an die Tempelanlagen/Schreine, um für den Segen der Familie zu beten. Auf dem Rückweg kaufen sie entweder für das Essen ein, um alsbald Bohnen und Kartoffeln zu schälen, Fleisch einzulegen, Teig zu kneten. Sie kochen für die gesamte Familie und bedienen in der Regel den Mann. Nach dem Essen machen sie sauber, waschen die Wäsche, bereiten schon das nächste Essen vor und kümmern sich zwischenzeitlich um die Kinder.

  
Maiskolben, die in der Sonne trocknen


Mais liegt in der Sonne zum Trocknen aus

In armen Familien gehen die Frauen hart auf dem Feld arbeiten. Sie stehen schon um 3 Uhr morgens auf, um zu ernten und schleppen diese schweren Lasten vom Feld ins Dorf. Sie kümmern sich um die Reisverarbeitung, den Mais, das Trocknen der Bohnen und um die Ziegen, Hühner und Enten.


Frau zwischen Reisfeldern


Hier wohnen zwei meiner Schülerinnen

 

Ein Mädchen wäscht die Wäsche im Fluss. Einige Meter links von ihr baden mehrere Jungs in Unterhosen. Mädchen gehen selten schwimmen.


Ein geweihter Stein vor dem Hauseingang.

Die Männer stehen auf, essen, gehen (bestenfalls) arbeiten und schlagen irgendwie ihre Zeit tot. Während die Frau immer zu Hause ist, nehmen sich die Männer die Freiheit raus, zu reisen oder sich abends mit ihren Freunden auf mehrere Runden Raksi zu treffen. Sie haben die Entscheidungsgewalt über die Familie und die traditionellen Haushalte freuen sich dementsprechend mehr über einen Jungen als ein Mädchen.

Eines Abends stand ich mit mehren Männern auf einem Balkon und wir tranken Raksi zusammen. Dabei wurden wir ständig von der schüchternen Ehefrau des Gastgebers bedient, die dann immer auch schnell wieder in der Küche verschwand. Ich konnte natürlich dieses Fettnäpfchen nicht auslassen und laut fragen: „Wenn die Frauen den ganzen Tag arbeiten, was machen dann die Männer?“ Und ich erhielt die bestmögliche Antwort: betretenes Schweigen. Alle Männer guckten auf den Boden und irgendwann fingen sie weit auszuholen, dass das ja ihre Kultur sei.


Männer spielen Schach unter meinem Fenster

Da regt sich natürlich die Feministin in mir und ich ärgere mich über diese ungerechte Arbeitsverteilung gewaltig. Aber ich erkenne auch, dass ich nun mal der Fremdkörper in diesem Mikroorganismus bin und die gegebenen Naturgesetze akzeptieren muss. Dennoch bin ich auf diesem Gebiet stark sensibilisiert und werde es weiterhin kritisch beäugen…

Leider ist das Konzept der Freundschaft, wie wir es kennen, den Frauen aus Panauti fremd. Sie unternehmen nichts miteinander außer Haus, sondern bleiben den ganzen Tag und jeden Tag bei ihrer Familie und machen den Haushalt. Aufkommende Langeweile wird mit dem Fernseher, Kindern und Handarbeit getilgt. Das, was wir Europäer unter Freizeit verstehen, gibt es hier einfach nicht. Ob das förderlich ist für das persönliche Glück, kann ich hier nicht beurteilen. Da müsste ich meine Philosophen zu Rate ziehen;)

Dafür gibt es in der nepalesischen Gesellschaft ein festes Raster und jeder weiß ganz genau wohin er hingehört. Woher man kommt, wohin man geht und was man in der Zwischenzeit zu tun hat, ist jedem klar. Mit dem Geschlecht und der Kaste werden mit der Geburt Aufgabenbereiche auf das Kind gestempelt und das gibt dem Dasein einen sehr beruhigenden Sinn.

Ein kleiner Junge kurz nach der Geburt. Traditionellerweise werden ihm in seine kleinen Fäustchen Nepalesische Rupien gedrückt. Noch hat er keinen Namen - er bekommt ihn erst nach 10 Monaten.

Die Frage ist nur, ob eine Frau sich mit der ihr zugewiesenen Rolle zufrieden gibt. Nachdem ich Prasant von dem Selbstmord des Mädchens erzählte, meinte er nachdenklich: „Maybe she was also tired of being a woman.“

Wie, um Himmels Willen, soll ich unter solchen Umständen meine feministische Ader ruhig halten? 

Freitag, 16. September 2011

Eindrücke einer Idylle

Da ich momentan sehr beschäftigt bin und einfach nicht dazu komme, meine ganzen Eindrücke aufzuschreiben (obwohl ich nichts lieber täte als das!), möchte ich einfach ein paar Impressionen aus Panauti posten. Viel Spaß beim Angucken:)


Der Blick aus meinem Fenster - der Greis, der jeden Tag stundenlang an der gleichen Stelle sitzt und mich jeden Morgen mit einem herzlichen "Namaste" begrüßt.


Prasants superniedlicher Sohn!!




Wasserholen aus historischen Wasserspendern

Der Laden um die Ecke


Frauen waschen die Wäsche im Fluss


Ein Haushuhn mit orangener Tika


Soooo süüüß!!! Eine Henne und ihre Adoptiventen! :D



Meine neue große Liebe!! Ist er nicht schön? :)


Ich drücke euch alle* Danke fürs Lesen und die Kommentare! Es ist so schön zu wissen, dass ich das alles mit euch teilen kann!

Dienstag, 13. September 2011

Ein Ausflug nach Kathmandu

Kathmandu ist ein unfassbarer Moloch. Ich finde die Stadt einfach fürchterlich hässlich und bedrohlich. Ich schätze, dass ich dieses Gefühl auch in jeder anderen Großstadt der „Dritten Welt“ hätte, aber nun habe ich es zum ersten mal in dieser Intensität erlebt.


Kathmandu: Eine "Einkaufspassage" aus blauen Platikplanen, in der Mitte ein Tempel


Müllbeseitigung hinter den Verkaufsständen mit billiger China-Ware


Menschenströme, Verkehrsströme - Verkaufsstände, Müllbestände


Offene Flaschen im Straßenverkauf - eine Erfrischung mit Durchfallgarantie ;)


Bananenstände am Busbahnhof

Ich bin am 11. September für nur drei Stunden hingefahren, um mir das Indra-Festival anzusehen. Obwohl ich an dem Tag Unterricht hatte und ich (aufgrund ungünstiger Umstände) alleine hinfahren musste, wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Das Festival findet nämlich zu Ehren der Kumari Devi statt. Zur Erklärung: Im Glauben der Newari (einer ethnischen Minderheit im Kathmandu-Tal) wird die Göttin Durga nämlich in einem kleinen Mädchen wiedergeboren – in Form der Kumari. Sie entspricht von Schönheit, über Stimme bis zum Horoskop festgelegten Kriterien und wird mehreren Prüfungen unterzogen. Bis zu ihrer ersten Regelblutung ist sie eine lebende Göttin und wird auch als Heilige behandelt. Sie wohnt im heiligsten Gebäude im Tempeldistrikt Kathmandus und wird während des Festivals der Öffentlichkeit kurz gezeigt. Davor und danach finden rituelle Feierlichkeiten statt, die seltsam und schamanisch sind. 


Bevor ich überhaupt zu dem Festival vorgedrungen bin, musste ich mich fast eine Stunde lang durch nie zuvor erlebte Menschenmassen und Smog in Kathmandu durchkämpfen. Ich machte Bekanntschaft mit einem hageren Software-Inder (Brille und kariertes Hemd!), der für Norton-Antivirus arbeitet und leider etwas anhänglich wurde. Zum Glück wurden wir in den Massen getrennt und ich schaffte es, mich im Tempelbereich Bhaktapur auf die Touristen-Terrasse vorzukämpfen. Ich konnte mir einen Überblick über das Spektakel verschaffen: Hier sind die Touristen, hier die Einheimischen, hier die Soldaten und hier die Musikkapelle. 

 



Mir gegenüber lag das Haus, in dem die jeweils aktuelle Kumari wohnt und dazwischen der weißgetünchte Tempel mit Vorzeige-Balkon, auf dem Politiker gerne zum Volk sprechen;)
Ich fand es faszinierend, dass sich an einem 11. September die wichtigsten Regierungsvertreter Nepals auf einen Balkon zusammenfinden und keiner daran denkt, dass das Ganze in irgendeiner Weise ein Risiko darstellen könnte.



In der Mitte reich geschmückt: der Regierungschef Baburam Bhattarai und Staatsoberhaupt Ram Baran Yadav.

Auf meiner Touristenterasse stand ich zwischen einem buddhistischen Lama aus Sri Lanka, einer Trekkinggruppe aus Australien und einem Amerikaner aus Oregon, der allen lauthals seine Lockerheit und neu gewonnene Spiritualität mitteilen musste. Schon auf dem Umsteige-Flughafen Delhi hatte ich für mich etwas festgestellt und nun war es offiziell: Diese Touristensparte der Pseudo-Alternativen nervt mich gewaltig. Sie kommen scharenweise nach Istanbul, Kathmandu oder Goa in alternativer Aufmachung, indischem Schmuck, Strohhüten und asiatischen Motiv-Tattoos und verunreinigen diesen Ort moralisch mit ihren egozentrischen Rauschzuständen. Sie sind im Spiegelkabinett ihrer Selbst gefangen und die Erkenntnisse sind narzisstischer Natur. Am Ende ihrer Reise haben sie nicht mehr zu sich selbst gefunden, sondern nur ihr entworfenes „Ich“ gefestigt und neu geschmückt. – Ja, auch ich habe Vorurteile und ich freue mich auf die neue Begegnung, die dieses widerlegt.


Nepali mit geweihten Blüten auf dem Kopf

Wie wir da so stehen und Mister Oregon seine energetisch bedingte Seelenöffnung in die Welt posaunt, rennt eine schreiende und lärmende Menschenmenge auf den Platz, einem maskierten Mann mit roter Perücke hinterher (Pumuckl!). Sie rannten so eine Weile hin und her, als dann eine weitere Figur das Schauspiel bereicherte: Ein weißer Elefant aus auf Holzlatten bespannten Leinen und weißer Mähne, auch gejagt von einer Menschenmasse. Irgendwann fingen beide Protagonisten an, sich gegenseitig zu jagen und ich erfuhr von meinem Buddhisten im leuchtenden Orange, dass selbst die Newari dieses Spektakel nicht mehr verstehen.

Nach 1 ½ Stunden Verwirrung und Langeweile beschloss ich wieder zu gehen, um den letzten Bus nach Panauti nicht zu verpassen. Ich war schon mitten auf dem Platz, als plötzlich alle um mich herum anfingen zu applaudieren und zu fotografieren. Schnell bin ich auf die nächste Anhöhe und fand mich auf der Presse-Terrasse wieder.


Von hier aus konnte ich sehen, wie zwei reich mit orangenen Blumen dekorierte Tragbahren sich dem Platz näherten. In beiden saß jeweils ein Mädchen, das so geschminkt war wie die Kumari. Später sollte ich erfahren, dass das Kumaris Schutzgöttinnen sind.
 

Die Kumari selbst konnte ich nicht mehr sehen, aber jeder den ich fragte meinte, das sei ohnehin nicht realistisch (Google/Bilder stillt die Neugierde). Sie tauche sehr spät und sehr kurz auf. Dann gibt es noch ein weiteres Problem: Mit einbrechender Dunkelheit werden die Feierlichkeiten sehr wild und gefährlich und die Nepalesen verlieren ihre Kontrolle. Es kommt nicht selten zu Todesfällen in den teilweise tranceartigen Zuständen. (Mama - soviel zum Thema "Jedes Volk hat seine dunkle Seite"!)

Als ich im Bus auf dem Rückweg nach Panauti war, fühlte ich mich schwach und schlecht. In der Nacht kam dann Schüttelfrost und Übelkeit und am nächsten Tag war ich krank. Prasant meinte dazu: „You go to Kathmandu with a smile and you leave the city sick and ill.“ Diese Stadt hat mich ziemlich fertig gemacht und ich bin so froh, dass ich nicht dort wohne! Panauti ist eine wahre Perle und ich bin so dankbar, dass ich hier sein kann; in meinem kleinen Paradies.