Dienstag, 13. September 2011

Ein Ausflug nach Kathmandu

Kathmandu ist ein unfassbarer Moloch. Ich finde die Stadt einfach fürchterlich hässlich und bedrohlich. Ich schätze, dass ich dieses Gefühl auch in jeder anderen Großstadt der „Dritten Welt“ hätte, aber nun habe ich es zum ersten mal in dieser Intensität erlebt.


Kathmandu: Eine "Einkaufspassage" aus blauen Platikplanen, in der Mitte ein Tempel


Müllbeseitigung hinter den Verkaufsständen mit billiger China-Ware


Menschenströme, Verkehrsströme - Verkaufsstände, Müllbestände


Offene Flaschen im Straßenverkauf - eine Erfrischung mit Durchfallgarantie ;)


Bananenstände am Busbahnhof

Ich bin am 11. September für nur drei Stunden hingefahren, um mir das Indra-Festival anzusehen. Obwohl ich an dem Tag Unterricht hatte und ich (aufgrund ungünstiger Umstände) alleine hinfahren musste, wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Das Festival findet nämlich zu Ehren der Kumari Devi statt. Zur Erklärung: Im Glauben der Newari (einer ethnischen Minderheit im Kathmandu-Tal) wird die Göttin Durga nämlich in einem kleinen Mädchen wiedergeboren – in Form der Kumari. Sie entspricht von Schönheit, über Stimme bis zum Horoskop festgelegten Kriterien und wird mehreren Prüfungen unterzogen. Bis zu ihrer ersten Regelblutung ist sie eine lebende Göttin und wird auch als Heilige behandelt. Sie wohnt im heiligsten Gebäude im Tempeldistrikt Kathmandus und wird während des Festivals der Öffentlichkeit kurz gezeigt. Davor und danach finden rituelle Feierlichkeiten statt, die seltsam und schamanisch sind. 


Bevor ich überhaupt zu dem Festival vorgedrungen bin, musste ich mich fast eine Stunde lang durch nie zuvor erlebte Menschenmassen und Smog in Kathmandu durchkämpfen. Ich machte Bekanntschaft mit einem hageren Software-Inder (Brille und kariertes Hemd!), der für Norton-Antivirus arbeitet und leider etwas anhänglich wurde. Zum Glück wurden wir in den Massen getrennt und ich schaffte es, mich im Tempelbereich Bhaktapur auf die Touristen-Terrasse vorzukämpfen. Ich konnte mir einen Überblick über das Spektakel verschaffen: Hier sind die Touristen, hier die Einheimischen, hier die Soldaten und hier die Musikkapelle. 

 



Mir gegenüber lag das Haus, in dem die jeweils aktuelle Kumari wohnt und dazwischen der weißgetünchte Tempel mit Vorzeige-Balkon, auf dem Politiker gerne zum Volk sprechen;)
Ich fand es faszinierend, dass sich an einem 11. September die wichtigsten Regierungsvertreter Nepals auf einen Balkon zusammenfinden und keiner daran denkt, dass das Ganze in irgendeiner Weise ein Risiko darstellen könnte.



In der Mitte reich geschmückt: der Regierungschef Baburam Bhattarai und Staatsoberhaupt Ram Baran Yadav.

Auf meiner Touristenterasse stand ich zwischen einem buddhistischen Lama aus Sri Lanka, einer Trekkinggruppe aus Australien und einem Amerikaner aus Oregon, der allen lauthals seine Lockerheit und neu gewonnene Spiritualität mitteilen musste. Schon auf dem Umsteige-Flughafen Delhi hatte ich für mich etwas festgestellt und nun war es offiziell: Diese Touristensparte der Pseudo-Alternativen nervt mich gewaltig. Sie kommen scharenweise nach Istanbul, Kathmandu oder Goa in alternativer Aufmachung, indischem Schmuck, Strohhüten und asiatischen Motiv-Tattoos und verunreinigen diesen Ort moralisch mit ihren egozentrischen Rauschzuständen. Sie sind im Spiegelkabinett ihrer Selbst gefangen und die Erkenntnisse sind narzisstischer Natur. Am Ende ihrer Reise haben sie nicht mehr zu sich selbst gefunden, sondern nur ihr entworfenes „Ich“ gefestigt und neu geschmückt. – Ja, auch ich habe Vorurteile und ich freue mich auf die neue Begegnung, die dieses widerlegt.


Nepali mit geweihten Blüten auf dem Kopf

Wie wir da so stehen und Mister Oregon seine energetisch bedingte Seelenöffnung in die Welt posaunt, rennt eine schreiende und lärmende Menschenmenge auf den Platz, einem maskierten Mann mit roter Perücke hinterher (Pumuckl!). Sie rannten so eine Weile hin und her, als dann eine weitere Figur das Schauspiel bereicherte: Ein weißer Elefant aus auf Holzlatten bespannten Leinen und weißer Mähne, auch gejagt von einer Menschenmasse. Irgendwann fingen beide Protagonisten an, sich gegenseitig zu jagen und ich erfuhr von meinem Buddhisten im leuchtenden Orange, dass selbst die Newari dieses Spektakel nicht mehr verstehen.

Nach 1 ½ Stunden Verwirrung und Langeweile beschloss ich wieder zu gehen, um den letzten Bus nach Panauti nicht zu verpassen. Ich war schon mitten auf dem Platz, als plötzlich alle um mich herum anfingen zu applaudieren und zu fotografieren. Schnell bin ich auf die nächste Anhöhe und fand mich auf der Presse-Terrasse wieder.


Von hier aus konnte ich sehen, wie zwei reich mit orangenen Blumen dekorierte Tragbahren sich dem Platz näherten. In beiden saß jeweils ein Mädchen, das so geschminkt war wie die Kumari. Später sollte ich erfahren, dass das Kumaris Schutzgöttinnen sind.
 

Die Kumari selbst konnte ich nicht mehr sehen, aber jeder den ich fragte meinte, das sei ohnehin nicht realistisch (Google/Bilder stillt die Neugierde). Sie tauche sehr spät und sehr kurz auf. Dann gibt es noch ein weiteres Problem: Mit einbrechender Dunkelheit werden die Feierlichkeiten sehr wild und gefährlich und die Nepalesen verlieren ihre Kontrolle. Es kommt nicht selten zu Todesfällen in den teilweise tranceartigen Zuständen. (Mama - soviel zum Thema "Jedes Volk hat seine dunkle Seite"!)

Als ich im Bus auf dem Rückweg nach Panauti war, fühlte ich mich schwach und schlecht. In der Nacht kam dann Schüttelfrost und Übelkeit und am nächsten Tag war ich krank. Prasant meinte dazu: „You go to Kathmandu with a smile and you leave the city sick and ill.“ Diese Stadt hat mich ziemlich fertig gemacht und ich bin so froh, dass ich nicht dort wohne! Panauti ist eine wahre Perle und ich bin so dankbar, dass ich hier sein kann; in meinem kleinen Paradies.

1 Kommentar:

  1. Kathmandu hat mich jetzt wirklich überrascht. So schlecht, wie beschrieben, hätte ich die Stadt doch nicht erwartet. Da hast du wohl Recht: Zum Glück bist du in Panauti.

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