Samstag, 24. September 2011

Ganz entspannt dank Kurta und Yoga

Läuft man durch die Straßen von Panauti, tragen alle Frauen die hier typische Kleidung: eine Kurta oder einen Sari. Der Sari ist ziemlich kompliziert und unbequem und wird daher eher an Festtagen getragen. Um ihn richtig anzulegen, muss man die besondere Falttechnik beherrschen und bestenfalls Hilfe parat haben. Der Sari ist unpraktischerweise bauchfrei und bekommt von mir Schwierigkeitsstufe 10 beim Aufs-Klo-gehen (man muss sich nämlich halb ausziehen und tierisch drauf achten, dass die lange Schärpe nicht ins Plumpsklo reinhängt). Gerne werden auch superfeine und superteure Stoffe aus Japan verwendet mit ganz viel Glitzer und bling* bling* :) Ja, die Nepalesen lieben Kitsch!


Hier sehen wir eine besonders kitschige Frau im roten Sari, die eine Szene aus einem Bollywood-Film nachtanzt. Die Farbe rot ist übrigens für verheiratete Frauen reserviert und nur diese Europäerinnen erdreisten sich unverheiratet rote Armreifen, Ketten oder Saris anzulegen

Die alltagstaugliche Variante hingegen ist die Kurta, in die ich mich sofort verliebt habe. Es ist ein langes Oberteil mit Schlitzen an den Seiten. Dazu wird eine sehr weite Pumphose getragen. Und nicht zu vergessen die dritte Komponente: Der Seidenschal. Entweder er wird locker umgeworfen, wie eine Schärpe gebunden oder mit Nadeln an den Schultern festgesteckt. Schon in meiner ersten Woche habe ich mir beim Schneider zwei Stoffe ausgesucht und mir daraus eine Kurta und eine Hose schneidern lassen. Ich wollte in Panauti und in der Schule nicht mehr wie ein totaler Alien aussehen.



Hier bin ich mit einigen Schülerinnen der achten Klasse. Leider kann man meine wunderschöne Schul-Kurta nur erahnen.
  
Außerdem habe ich mich von meinen langen Nägeln getrennt, um den Kindern ein gutes Vorbild zu sein. (Esther, das ist für dich!)

Vorher


Nachher


Und eine gute Nachricht für alle Schadenfrohen unter euch: Ich verstecke mein Tattoo vor den Schulkindern. Prasant hat mir nämlich klar gemacht, dass ich als weiße Frau aus dem Westen eine besondere Vorbildfunktion inne habe und mir dieser Verantwortung bewusst sein sollte. Ich sehe das ein und habe kein Problem damit. (Und: Nein, ich bereue es immer noch nicht, es gestochen zu haben. Ätsch!)

Ich vermisse es, mich mal so richtig zu schminken oder meine langen Ohrringe zu tragen. Ich dekorier mich doch so gern. Hier kann man das aber nicht bedenkenlos machen, da man erstens falsche Signale aussendet und zweitens seinen Reichtum vorführt. Natürlich sind meine billigen H&M-Ohrringe kein Reichtum, aber es sieht so anders und besonders und gut verarbeitet aus, dass alle gleich ins neidische Staunen verfallen. Prasant und Subesh dachten sogar, ich hätte echtes Gold!
Das Gleiche gilt hier für meine Oberteile und Jeans-Hosen. Ich will keine negativen Gefühle hervorrufen und zur Gemeinschaft dazugehören. Nachdem ich meine Kurta erhalten und den ersten Tag getragen habe, will ich auch gar keine Jeans-Hosen mehr. Wie kann man sich nur in sowas Unbequemes freiwillig reindrücken?

Die Kurta hat noch einen weiteren Vorteil: Man kann in ihr prima im Schneidersitz auf dem Boden sitzen und im Freundeskreis Essen zubereiten und essen.


Sunita, die Frau des Schuldirektors, und ich bereiten Unmengen von Momo zu. Und jetzt die Gretchenfrage: Wer von euch kann im Schneidersitz mit den Knien den Boden berühren?


Suchbild: Auf diesem Bild haben sich drei polnische Pieroggen versteckt. Wer sie findet, bekommt einen äußerst künstlerisch gefalteten Momo per Postzugeschickt (Versanddauer: 10 Tage) ;D


Momo-Mania total! Am Ende mussten wir noch zwei Nachbarn einladen, um die ganzen Momos loszuwerden:)

Und man kann in Kurta auch prima Yoga machen!


Hier bin ich mit Sir Damodar (ein Lehrer meiner Schule) auf einem Berg in Dhulikel und wir tanken gerade bergfrische Himalayaluft. Zuvor haben wir 1.000 Stufen zur berühmten Buddha-Statue bestiegen (das ist die auf meinem Facebookprofilbild!)

Mittlerweile habe ich es übrigens geschafft, jeden Tag um 4.30 Uhr morgens aufzustehen, um um 5.00 Uhr mit 40 (!!) anderen Dorfmitgliedern Yoga zu praktizieren. Es findet draußen auf einem überdeckten Platz statt und ich bin danach voller positiver Energie. Es ist wunderbar, ich will es gar nicht mehr missen! Was mich besonders überrascht, ist die konstant hohe Beteiligung und dass einfach jede Altersstufe vertreten ist. Kinder turnen neben sehr gelenkigen Greisen. Alle Yoga-Mitglieder grüßen sich mit einem A-U-M (was wir Westler als Ooooohm auffassen) und wenn ich durchs Dorf laufe, grüßen wir uns statt des üblichen „Namaste“ auf diese Weise … mit einem verschwörerischen Lächeln auf dem Gesicht…:)


Das Aum-Zeichen steht für den Urton, der durch das Universum und uns hindurchsummt. Wer mal buddhistische Mönche das Aum tranceartig hat singen hören, weiß wovon ich schreibe. Das Symbol ist für mich von größter Bedeutung, denn es steht für das ewig Werdende und ist der Soundtrack zu meinem Ouroboros.

Unser Yoga-Lehrer beginnt immer sehr sportlich mit Yoga-Jogging zu lustiger Hindi-Musik und trainiert mit uns danach den Sonnengruß bis zum Umfallen. Wenn wir dann alle total verschwitzt sind, machen wir ewig lange Atemübungen. Was mir gefällt ist, dass wir viel singen, klatschen, lachen und tanzen. Dieses superernste West-Yoga kam mir schon immer so verdächtig verbissen vor!

Wenn ich danach nach Hause komme, bin ich voller Tatendrang und freue mich auf mein Mittagessen um 9.30 Uhr. Der Nachteil des Ganzen ist: Um 21.30 Uhr spätestens bin ich todmüde und kann meine Augen nicht mehr….offen…halten….   … zzZZZZzzzz…


Mein kleiner feiner Rückzugsort

P.S.: Wenn wir schon beim Thema Entspannung sind: Nein, keine Drogen weit und breit! Es gibt einen Übermaß an Engelstrompeten, aber Marihuana habe ich noch keins gesehen. Und ich glaube, dass hier niemand kifft. Zumindest niemand, den ich bisher kennen gelernt habe. Aber vielleicht ist das nur eine der Touristen-Fantasien, die in Touristen-Vierteln wie Thamel (Kathmandu) ausgelebt wird.

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