Dienstag, 20. September 2011

Frauenwelten - Männerwelten

Gestern hat eine Schülerin Selbstmord begangen. An der Schule hatten wir deswegen heute eine Schweigeminute und ich konnte mich mit dem Weinen kaum zurückhalten. Danach ist die Schule ausgefallen und ich habe versucht herauszufinden, was ein 15jähriges Mädchen zu so etwas bewegt. Leider wussten die anderen Lehrer auch nicht mehr, als dass die Schülerin aus einem armen Haushalt kam, in dem sie vernachlässigt wurde. Den ganzen Tag war ich aufgewühlt, denn ganz unverhofft ist der Tod so nah. Der Schreck und die Trauer waren wie ein schwarzer Schrei, der sich in meiner Seele ausbreitete und meine Sonne bedeckte. Ich musste auch automatisch denken: Was mache ich hier eigentlich? Meine Familie braucht mich doch auch und ich bin so weit weg in Nepal. Was ist, wenn ihnen etwas zustößt und ich so weit weg bin?


Abschiedessen auf der Burg Landeck

Darüber hinaus erfuhr ich, dass vor zwei Monaten zwei weitere junge Menschen Selbstmord begangen hatten, weil ihnen die Liebesheirat versagt wurde.

Hier wird die Tradition der arrangierten Ehe noch gelebt und es gibt sehr wenige Ausnahmen. Natürlich wird das Land moderner und ist in den Großstädten auch offener für solche Arrangements. Aber es ist tief in der Kultur verankert, dass es nur dann „richtig“ und „gut“ ist, wenn die Familienoberhäupter über den Ehepartner entscheiden. Samanna sagte auch einmal zu mir: „In a love marriage there is only quarrel. Many people divorce and destroy the family. They make many people unhappy at once!“ Hier wird die Ehe als ein Bund aufgefasst von zwei Menschen, die eine Familie gründen, ernähren und halten sollen. Liebe ist eher störend, denn man muss sich lediglich arrangieren können und in seiner Rolle funktionieren. Leidenschaft und rosarote Liebe bilden keine stabile Grundlage für ein lebenslanges Bündnis.

Deshalb haben Verliebtheit, Liebe und zweckfreie Sexualität einen ganz verruchten Stellenwert. An meinem ersten Tag in der Schule ist eine Gruppe Mädchen wild kichernd auf mich zugekommen, um zu fragen: „Do you have a boyfriend?“ Ich war so baff, dass ich nicht wusste, ob ich die Wahrheit sagen oder lügen soll (was ist da nun pädagogisch wertvoll!). War aber auch nicht so schlimm, weil die Mädchen sich so geschämt haben, dass sie ohne die Antwort abzuwarten, wieder weggerannt sind. Ouuff :)

Darüber hinaus gibt es eine ganz strikte Trennung zwischen der Männer- und Frauenwelt. Die Frauen halten die Familien, den Haushalt und den Segen. Sie tragen die gesamte Verantwortung – die Männer hingegen lediglich einen Topi (nepalesische Kopfbedeckung ausschließlich für Männer).

Ok, das war jetzt gemein. Aber das ist, was ich sehe und was mir auch Männer bestätigen: Die Frauen stehen gegen 4 Uhr morgens auf, reinigen das Haus und gießen in ein Behältnis das erste Wasser des Tages ab. Dieses Wasser wird dem Gott geweiht, der das Haus beschützt. Erst nachdem dieses Wasser auf den heiligen Stein vor dem Haus gegossen wurde, darf weiteres Wasser im Haus verwendet werden. Danach gehen die Frauen an die Tempelanlagen/Schreine, um für den Segen der Familie zu beten. Auf dem Rückweg kaufen sie entweder für das Essen ein, um alsbald Bohnen und Kartoffeln zu schälen, Fleisch einzulegen, Teig zu kneten. Sie kochen für die gesamte Familie und bedienen in der Regel den Mann. Nach dem Essen machen sie sauber, waschen die Wäsche, bereiten schon das nächste Essen vor und kümmern sich zwischenzeitlich um die Kinder.

  
Maiskolben, die in der Sonne trocknen


Mais liegt in der Sonne zum Trocknen aus

In armen Familien gehen die Frauen hart auf dem Feld arbeiten. Sie stehen schon um 3 Uhr morgens auf, um zu ernten und schleppen diese schweren Lasten vom Feld ins Dorf. Sie kümmern sich um die Reisverarbeitung, den Mais, das Trocknen der Bohnen und um die Ziegen, Hühner und Enten.


Frau zwischen Reisfeldern


Hier wohnen zwei meiner Schülerinnen

 

Ein Mädchen wäscht die Wäsche im Fluss. Einige Meter links von ihr baden mehrere Jungs in Unterhosen. Mädchen gehen selten schwimmen.


Ein geweihter Stein vor dem Hauseingang.

Die Männer stehen auf, essen, gehen (bestenfalls) arbeiten und schlagen irgendwie ihre Zeit tot. Während die Frau immer zu Hause ist, nehmen sich die Männer die Freiheit raus, zu reisen oder sich abends mit ihren Freunden auf mehrere Runden Raksi zu treffen. Sie haben die Entscheidungsgewalt über die Familie und die traditionellen Haushalte freuen sich dementsprechend mehr über einen Jungen als ein Mädchen.

Eines Abends stand ich mit mehren Männern auf einem Balkon und wir tranken Raksi zusammen. Dabei wurden wir ständig von der schüchternen Ehefrau des Gastgebers bedient, die dann immer auch schnell wieder in der Küche verschwand. Ich konnte natürlich dieses Fettnäpfchen nicht auslassen und laut fragen: „Wenn die Frauen den ganzen Tag arbeiten, was machen dann die Männer?“ Und ich erhielt die bestmögliche Antwort: betretenes Schweigen. Alle Männer guckten auf den Boden und irgendwann fingen sie weit auszuholen, dass das ja ihre Kultur sei.


Männer spielen Schach unter meinem Fenster

Da regt sich natürlich die Feministin in mir und ich ärgere mich über diese ungerechte Arbeitsverteilung gewaltig. Aber ich erkenne auch, dass ich nun mal der Fremdkörper in diesem Mikroorganismus bin und die gegebenen Naturgesetze akzeptieren muss. Dennoch bin ich auf diesem Gebiet stark sensibilisiert und werde es weiterhin kritisch beäugen…

Leider ist das Konzept der Freundschaft, wie wir es kennen, den Frauen aus Panauti fremd. Sie unternehmen nichts miteinander außer Haus, sondern bleiben den ganzen Tag und jeden Tag bei ihrer Familie und machen den Haushalt. Aufkommende Langeweile wird mit dem Fernseher, Kindern und Handarbeit getilgt. Das, was wir Europäer unter Freizeit verstehen, gibt es hier einfach nicht. Ob das förderlich ist für das persönliche Glück, kann ich hier nicht beurteilen. Da müsste ich meine Philosophen zu Rate ziehen;)

Dafür gibt es in der nepalesischen Gesellschaft ein festes Raster und jeder weiß ganz genau wohin er hingehört. Woher man kommt, wohin man geht und was man in der Zwischenzeit zu tun hat, ist jedem klar. Mit dem Geschlecht und der Kaste werden mit der Geburt Aufgabenbereiche auf das Kind gestempelt und das gibt dem Dasein einen sehr beruhigenden Sinn.

Ein kleiner Junge kurz nach der Geburt. Traditionellerweise werden ihm in seine kleinen Fäustchen Nepalesische Rupien gedrückt. Noch hat er keinen Namen - er bekommt ihn erst nach 10 Monaten.

Die Frage ist nur, ob eine Frau sich mit der ihr zugewiesenen Rolle zufrieden gibt. Nachdem ich Prasant von dem Selbstmord des Mädchens erzählte, meinte er nachdenklich: „Maybe she was also tired of being a woman.“

Wie, um Himmels Willen, soll ich unter solchen Umständen meine feministische Ader ruhig halten? 

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