Ich bin der Überzeugung, dass man nicht alles mit europäischen Standards vergleichen kann und die Leute dort abholen muss, wo sie sind. Deswegen ist mir mein Herz nicht in den nächsten Abguss hinweg geschmolzen, als ich die Schule betrat. Deswegen habe ich nicht gleich die Kreditkarte gezückt, um alles neu zu machen. Deswegen nehme ich jeden, der nicht bei drei auf dem nächsten Gummibaum ist, ins Kreuzverhör und lese jeden Tag die Zeitung mit bunten Markern. Ich will verstehen: Wo sind die Leute? Wie kann man ihnen sinnvoll und nachhaltig helfen? Die Welt braucht keine weißen Besserwisser, die mal eben einen Brunnen irgendwo hinzaubern, der nach kürzester versandet, weil niemand die Pumpe bedienen / reparieren kann. Ich habe keine Angst, mich meiner Vernunft zu bedienen und möchte mich nicht vom blinden Utopismus leiten lassen.
Ich kann mit Armut und einfachen Verhältnissen sehr gut umgehen und habe Verständnis für alle daraus erwachsenden Nebeneffekte. Damit meine ich beispielsweise bildungsferne Familienverhältnisse oder den puren Mangel an Nahrung oder Kleidung. Aber was mir wirklich hart zu schaffen macht ist etwas, dem ich hier jeden Tag und ständig begegne: Vernachlässigung. Wenn man arm ist, kann man sein Kind doch trotzdem waschen. Man kann ihm mit einer Sicherheitsnadel einen Lappen ans Hemd heften, damit es sich während des Tages die Nase putzen kann. Man kann trotzdem ein gewisses Niveau an Sauberkeit im Haushalt haben, um die Parasiten einzudämmen.
In meiner Kindheit war meine Mutter eine sehr hart arbeitende Frau und wir zwei hatten es wirklich nicht leicht. Während des Tages konnte sie nicht bei mir sein, weil sie außerhalb unseres Dorfes Geld verdienen musste. Dennoch fehlte es mir niemals an Mutterliebe, Hygiene und Zuwendung. Sie hat sich trotz allem um den Haushalt und um mich gekümmert.
Jetzt frage ich mich natürlich – was läuft hier anders? Warum interessieren sich die Familien hier nicht für ihre Kinder? Gibt es keine kulturell verankerte Kinderliebe wie in der Türkei? (Ich weiß, solcher Art Vergleiche sollte ich unterlassen. Bin unverbesserlich.)
In Gedanken versunken ging ich ans Fenster, um mich abzulenken und - ich dachte mich trifft der Schlag. Vor meinem Fenster liegt doch tatsächlich ein halbnackter Junge auf dem kalten Beton und schläft so tief, dass sich unter seinem Mund eine Speichellache ausgebreitet hat. Die Leute liefen gleichgültig an ihm vorbei.
Ohne Nachzudenken griff ich meine Decke und eilte nach unten. Als ich ihn berührte, war er kalt und ich dachte schon für eine Schrecksekunde, er sei tot. Durch meine Berührungen wurde er aber wach, öffnete die Augen, sah mich total erschrocken an und fing sofort an herzzerreißend zu weinen. Es tat mir sogleich schrecklich leid, dass ich seine Situation verschlechtert habe, anstatt sie zu verbessern! Ich versuchte den kleinen dreckstarren Jungen zu trösten, aber … wie soll ich sagen … es war ein tragikomischer Moment: Wir sahen uns beide total schockiert an und er schrie seinen Schreck in die Welt hinaus und ich in mich hinein. Sein Popo war ganz schmutzig vom letzten Geschäft, seine Haare waren voller Dreck und Sand und sein Gesicht voll mit vertrockneter Rotze und Spucke. Zum Glück hatte ihn seine Schwester gehört und kam, um ihn zu trösten. Sie lenkte ihn mit einem Bildchen ab, das sie aus einer Zeitung ausgerissen hatte. Ironischerweise war es ausgerechnet eine strahlende Mutter mit schwarzem Seidenhaar, die ihren Wonneproppen glücklich in die Kamera hielt.
Ich erkannte das Geschwisterpaar wieder, denn ich hatte sie zuvor schon aus meinem Fenster heraus fotografiert. Sie scheinen bekannt dafür zu sein, dass sie den ganzen Tag komplett auf sich allein gestellt sind. Die kleine Schwester der Vernachlässigung trägt den Namen Einsamkeit.
Wir saßen eine Zeit lang schweigend nebeneinander, beide Parteien in irgendeiner Weise resigniert. Ich frage mich: Was kann ich tun? Und meine innere Stimme antwortete: Nichts. Die Leute um mich herum schauten mich mit diesem „Ach, immer diese dummen Touristen“-Blick an und warteten gespannt, was ich wohl als Nächstes machen werde. Besser als Kino.
Ich ging mit meiner verdreckten Decke zurück in mein Zimmer und starrte ins Leere. Da schreibt man doch tatsächlich seit Stunden in seinem Kabuff über Kinderrechte und vor der eigenen Tür besteht akuter Handlungsbedarf. Gott hätte nicht mit einem noch größeren Zaunpfahl winken können.
Die zweite Schwester der Vernachlässigung trägt den Namen Unterforderung.
Ich holte zwei Bananen. Dann kaufte ich Buntstifte und Papier, um ihr Kinderleben etwas bunter zu machen.
Erst dachte ich, ich hätte einen Floh, aber jetzt stelle ich fest, dass ich von dem kleinen Jungen Läuse bekommen habe. Ich werde mich nicht an das bestehende Kastensystem halten und auch die Unberührbaren umarmen, trösten, ihnen Bananen geben. Ich kann einfach nicht anders.
Notiz an mich selbst: Ich sollte endlich die Biographie von Mutter Theresa lesen.
Notiz an mich selbst: Ich sollte endlich die Biographie von Mutter Theresa lesen.
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