Jeder gläubige Hindu läutet diese, bevor er seine Weihegaben niederlegt. Je nachdem, wie wichtig ihm der Schrein oder seine Bitte an Ganesha ist, wird die Glocke mehr oder weniger leidenschaftlich gebimmelt. In meinen ersten Nächten hörte ich die Glocke jedes einzelne Mal – ab 4 Uhr morgens bis zum Nachmittag und jedes Mal saß ich aufrecht im Bett. Man muss dazu sagen, dass sie, verglichen mit anderen Schreinen, ziemlich groß und laut ist. Zum Glück ist der Mensch ein Gewohnheitstier und mittlerweile habe ich mich an den Klang gewöhnt und fahre nicht mehr jedesmal auf, wenn sie ein Betender benutzt. Was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich mit den Mitbewohnern von Panauti täglich gegen 4 Uhr aufwache;)
Aber warum muss denn ständig die Glocke am Schrein geläutet werden? Welcher Terrorist kam denn auf diese Idee? Reicht es denn nicht, wenn man seine Gaben einfach betend vor Ganesha legt? Subesh erklärte mir dazu, dass man nicht ohne Weiteres an eine Götterfigur herantreten darf. Man muss sich einerseits ankündigen und auch den Gott zu sich heran klingeln. Die Glocke dient als Bindeglied zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre.
In dem Kulturkreis der Newari thront auf der Glocke eine Schlange und es gilt der Glaube, dass sie die männliche Energie in der Welt repräsentiert, wohingegen die Glocke selbst für die weibliche Energie steht. In Tibet hingegen findet man eine andere Symbolik, aber sie entspricht dem gleichen Muster. Bleibt die Glocke stumm, stehen beide Prinzipien auch blind nebeneinander. Erst durch das Schwingen und Läuten ergeben sie eine sinnvolle Einheit, die die Harmonie des Universums widerspiegelt.
Es symbolisiert das aktive männliche Prinzip (upaya – die schaffende Kraft) und wird in der rechten Hand getragen. Das passive weibliche Prinzip (prajna – die Weisheit), wird durch die Glocke repräsentiert und mit der linken Hand geläutet. Nur beider Interaktion kann im Vajrayana Buddhismus zur Erleuchtung führen.
Und hier eine andere Interpretation männlicher und weiblicher Prinzipien, die zur Erleuchtung führen kann;) Es ist aber nicht sexuell zu verstehen, sondern metaphorisch. Im Prinzip ist es nicht unterschiedlich von dem, was wir Europäer unter Ying-Yang verstehen – nur dass es hier in Nepal yab-yum (Vater-Mutter) heißt.
Auch Prasant hat mir einen interessanten Aspekt gesagt. (Habe ich schon erwähnt, dass er nicht nur Fotograf, sondern auch gelernter Heilpraktiker ist? Leider praktiziert er nicht mehr, aber er weiß alles über Ying und Yang, den Chi-Fluss, Akupunktur, usw.) Er erklärte mir, dass der Klang der Tempelglocke auch therapeutische Wirkung hat. Er beruhigt und kann uns in einen meditativen Zustand führen. Dieser Gedanke ist mir nicht neu, da ich in Polen einmal Gong-Sessions besucht habe, deren Sinn es war auf einer Yogamatte zu liegen und sich mit geschlossenen Augen eine Stunde lang be-gongen zu lassen. Es war das erste Mal, dass mein Gehirn sich in einem meditativen Zustand ausschaltete. Nach dieser Erfahrung hörte ich die Welt des Klangs buchstäblich mit anderen Ohren. Von der Gong-Meisterin lernte die ich auch Theorie kennen, dass man schöne Klänge in die Seele hineinlassen soll und hässliche Störgeräusche ohne Bewertung vorbeirauschen lassen soll.
In der Praxis sieht es aber so aus, dass das Ticken einer Wanduhr mich nachts vollkommen wahnsinnig machen kann. (Meine Familie muss nach meiner Abreise immer die Uhren in diversen Schränken zwischen Bettlaken und Handtüchern suchen…hihiJ) Meditation hin oder her – Sperrt man mich mit einer tickenden Uhr in einen Raum, fühle ich mich klaustrophobisch gefangen in einer schwarz-weiß-gekachelten (Philipp, das ist für dich!) monotonen Geräuschwelt, in der ein ewig selber Ton kalt und erbarmungslos auf mich hinunter tropft! Uaaaarhg!!
In der Praxis sieht es aber so aus, dass das Ticken einer Wanduhr mich nachts vollkommen wahnsinnig machen kann. (Meine Familie muss nach meiner Abreise immer die Uhren in diversen Schränken zwischen Bettlaken und Handtüchern suchen…hihiJ) Meditation hin oder her – Sperrt man mich mit einer tickenden Uhr in einen Raum, fühle ich mich klaustrophobisch gefangen in einer schwarz-weiß-gekachelten (Philipp, das ist für dich!) monotonen Geräuschwelt, in der ein ewig selber Ton kalt und erbarmungslos auf mich hinunter tropft! Uaaaarhg!!
Und auch Situ sagte etwas Interessantes zum Läuten der Tempelglocke. Durch das Läuten werden nämlich Umwelt, Körper und Seele gereinigt und sind bereit für die Begegnung mit der Gottheit. Es gibt sogar Theorien, die behaupten, dass diese Schwingungen die Wasserpartikel in unserem Körper neu anordnen und uns somit neu formatieren. Wenn man also laut dieser Theorie ein gutes Glockenspiel zu Hause aufhängt, reinigt es den Raum und uns von negativen Schwingungen. Insbesondere Glocken aus Kristall, Keramik oder qualitativ guten Metall, die saubere und sanfte Schwingungen und ganz klare Töne erzeugen, sollen diese Wirkung haben. Im Gegensatz zu diesen riesigen billigen Blechglockenspielen, die in diversen deutschen Vorgärten vor sich hin dröhnen.
In der Ayurveda-Heilkunde gibt es auch spezielle Musik, Gandharva-Veda-Musik, die diese Wirkung auf die menschliche Seele haben soll. Sie wird auf den Rhythmus unseres Atems, Pulses und Tages zurückgeführt und soll die kosmische Harmonie widerspiegeln. Wie meine Gong-Meisterin damals sagte: Alles ist Schwingung. Auch Mantras, die man gebetsartig vor sich her sagt, können in uns etwas zum Schwingen bringen.
Bei jeder gedrehten Gebetsmühle sagt man das Mantra OM MANI PADME HUM. Dieser Text ist auch auf ihnen eingraviert
Auch Derwische haben das Drehen für sich entdeckt und wirbeln in Ekstase ihrer inneren Reinigung entgegen. Ob etwas sich regelmäßig dreht oder sinuskurvenmäßig schwingt – das Prinzip ist gleich.
Persönlich habe ich es noch nicht ausprobiert, aber ich bin im Grunde davon überzeugt, dass Töne unsere Seele färben. Und ein wenig kristallines Blau oder warmes Orange können auch den grausten Großstadttag aufhellen. Vor allem in unserer westlichen Gesellschaft, wo wir aggressive und traurige Musik kultivieren. Das ist mir auch erst hier in Nepal richtig bewusst geworden. Die Musik, die hier gehört wird, ist vollkommen anders. Hier ein Beispiel für positiven Nepali-Brainwash:
Man sollte probeweise Emos mit dieser Musik beschallen und gucken was mit ihnen geschieht;) Vielleicht zerfallen sie zu Asche wie Vampire, wenn sie mit Tageslicht in Berührung kommen?
Schließen möchte ich mein Glocken-Intermezzo mit den letzten Versen von Schillers Gedicht „Die Glocke“:
Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch über'm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Domes, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr' im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.
Amen:)
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