Dienstag, 11. Oktober 2011

Wahrheit tut weh

Es begann mit einem Schulausflug. Ich war leider schlecht vorbereitet, nicht informiert wohin es eigentlich geht und der Akku meiner Kamera war nach dem Gruppenfoto leer.

Laxmi Sir, der Schuldirektor der Schule auf der ich unterrichte, hat an seiner Schule die Tradition, jährlich einige Privatschulen sowie das SOS Kinderdorf zu besuchen, das im (großen) Gemeindekreis Kavre liegt. Mit dabei war die 8. Klasse. Laxmi hat das als Schulausflug verkauft und erst fand ich die Idee mit dem Kinderdorf gut. Warum sollen die Kinder nicht auch sehen, wie notbedürftigen Kindern derselben Gemeinde geholfen wird?

Immer schön Mädchen und Jungen getrennt ;)

Als wir mit unserem ausgedienten deutschen Bus in den abgesicherten Bereich einfuhren, ist uns wirklich allen die Kinnlade runtergekippt. Aus runden Kindermündern ertönte ein großes staunendes Woooooaaaawww!

Ein wahnsinniges Grün und Bunt und Sauber strahlte uns entgegen. Mein erster Gedanke war: „Boah, haben die Geld!“ Wir stiegen etwas benommen aus dem Bus und wurden vom Dorfleiter empfangen.

Bilder sind hier zu finden: http://www.asien.l-seifert.de/Waisenhaus/Banepa-2.html Es ist zwar das Kinderdorf in Banepa, aber alle sehen sie gleich aus. (Aus urheberrechtlichen Gründen verweise ich lieber auf den Link anstatt die Bilder hier hochzuladen)

Er führte uns durch das Dorf in einen Empfangsraum, in dem er eine Rede hielt. Er erklärte in Nepali und Englisch, dass in dem Kinderdorf an die 210 Kinder leben, wovon aber 70 sich momentan auf einer höheren Schule in Kathmandu befinden. Das Dorf nimmt elternlose Kinder auf und dient als Ersatzfamilie, zu der sie immer zurückkehren können. Wie kommt es, dass es hier so viele Waisenkinder gibt?

http://schools-wikipedia.org/sos/sponsor-a-child/asian-child-sponsorship/nepal.htm Hier stehen mehr Informationen. Was der Dorfleiter damals unterschlug, war, dass auch bedürftige Kinder auf der Umgebung täglich dort die Schule besuchen dürfen.

Die Dame, die für das Fundraising zuständig ist, führte mich an ihren Arbeitsplatz. Da war tatsächlich ein richtiger Schreibtisch mit Computer und Schreibtischstuhl. Es sah wie ein deutsches Büro aus und die Dame setzte sich hin und erklärte, dass sie von hier aus täglich Gelder für das Dorf einsammelt. Es gibt an die 200 Spender aus Deutschland.

Die Führung ging weiter durch das Schulgebäude, das sogar in einem besseren Zustand war als mein gutes altes Gymnasium. Ich würde fast sagen, es hat deutsches Privatschulniveau. Wir liefen am Sekretariat, einer wunderschönen Bücherei und einer Vitrine mit polierten Pokalen vorbei. Im Schulhof saßen Kinder mit gefüllten Essenboxen und vesperten. Meine Kinder rieben sich hungrig den Bauch. Als wir am Fest- und Musizierraum vorbei gingen, erklärte der Dorfleiter, dass sie ein Piano und „nur“ neun Violinen hätten. Nur neun Violinen? Hallo? Ich würde einen Freundentanz aufführen, wenn meine Schule hier auch nur ein billiges Xylophon hätte.

Mich begann das Übermaß zu reizen. Es ist einfach übertrieben bunt und grün und wohlhabend. Die scheinen sich echt den Kopf zerbrechen zu müssen – Wohin nur mit dem ganzen Geld! Meiner Meinung nach hätte es etwas weniger auch getan. Auch meine Kinder sind aus armen Familien und schwierigen Verhältnissen. Warum muss das Geld ausschließlich hier sein? Geht hier alles mit rechten Dingen zu?

Wir kamen vorbei an kleinen angelegten Küchengärten und der Dorfleiter erklärte uns die unterschiedlichen Gewürze. Wie schön für euch, dass ihr Zeit und Raum für sowas Niedliches habt! Ich wurde ganz gehässig.

Um uns herum tobten die SOS-Kinder ausgelassen, glücklich, sauber, wohlgenährt in schicken Hemden und Krawatten. Denen geht es einfach zu gut. Meine Kinder in ihren zerknitterten und schmutzigen Kleidern fühlten sich zusehends schlechter, manche klagten über Kopfschmerzen und baten um Erlaubnis zum Bus zurück zu kehren. Am liebsten hätte ich 10m-Arme gehabt und alle Kinder auf einmal umarmt und vor diesem ganzen Glanz bewahrt.

Als ich so durch das Kinderdorf geführt wurde, ging irgendwas in mir kaputt. Ich glaubte doch stets (naiv?) an Gerechtigkeit. Schritt für Schritt wuchs eine große Wut in mir, dass ich unseren Führer am liebsten getreten hätte.

Es kam mir schon alles schon so verdächtig vor. Und ich sollte Recht behalten: Wie wir so auf dem Pausenhof warten, kommt eine meiner Schülerin mit einem Mädchen aus dem Kinderdorf Hand in Hand auf mich zu. Ganz stolz verkündet sie, dass das ihre Schwester sei. Später sollte ich herausfinden, dass das Gang und Gäbe auf dem SOS Kinderdorf ist und einflussreiche Familien mit guten Kontakten ihren Kindern auf diese Weise eine Ausbildung auf Privatschulniveau sichern. Und das kostenlos. Und gestern erfahre ich tatsächlich, dass auch Laxmis Sohn einige Zeit im Kinderdorf unterrichtet wurde. Und der ist weiß Gott nicht bedürftig! Ein guter Freund, Situ, sagte mir sogar: „You should go there once in the morning and watch all the parents who drop their children at this school by car.” Wer einmal in Nepal war, weiß, dass nur eine Elite sich ein Auto leisten kann.  Dann meinte er noch: „And those who deserve this school work at the rice fields.”


An diesem Tag haben wir perfekte Menschen besucht, Geld und Schönheit gerochen und erlebt, was wir nicht haben können. Ich fragte mich: Wie um Gottes Willen soll ich die Kinder morgen in unserer erbärmlichen Schule motivieren? Man muss ihnen doch Hoffnung geben, nicht nehmen.

Am Ende des Tages war ich sehr böse mit dem Direktor, dass er seiner Abschlussklasse zeigt, was sie nie haben können. Wie kann man diesen Kindern nur suggerieren, dass sie Menschen zweiter Klasse sind? (Er versprach, solche Trips in Zukunft zu unterlassen. Wir werden sehen.)

Mein Fazit das Kinderdorf betreffend, ist natürlich nicht positiv. Aber ist es auch nicht naiv zu glauben, dass in einem Land, das offensichtlich durch Vetternwirtschaft und Korruption regiert wird, Spendengelder bei den Bedürftigen ankommen? Insbesondere dann, wenn man die Institutionen in nepalesischer Selbstverwaltung lässt? Ich lernte an diesem Tag, dass die persönliche Präsenz vor Ort mehr wert ist als Geld. Nehmen wir an, es gäbe einen Deutschen, der über mehrere Monate lang in dem Kinderdorf arbeitet und nach dem Rechten schaut. Wenn sich dann nichts ändern würde, würde ich die ganze Institution SOS Kinderdorf in Frage stellen.

Subesh, Sujit und Prasant haben mehrere Hilfsorganisationen ausprobiert, deren Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte. Sie engagierten sich und versuchten, es immer ein bisschen besser zu machen. Es endete stets damit, dass ihre Eifrigkeit ausgenutzt wurde und sobald eine Spendenzahlung ankam, wurde mit diesem Geld eine dicke Feier in einem Hotel organisiert. Der Betrag, der am Ende am Hilfsprojekt ankam, war dann lächerlich. Auch haben sie mehrmals erlebt, dass die Organisationen komplett gar nichts machten und sich damit persönlich bereicherten. Resigniert haben sie diesen zwielichtigen Organisationen den Rücken gekehrt und versuchen jetzt auf eigene Faust bei kleinen Projekten vor Ort was zu verändern. Und so kam die Idee mit der ILBS Nepal in Panauti wie gerufen.

Ich weiss, die Welt ist häßlich, böse und gemein. Aber ich glaube an das, was ich hier tue und lass mich davon nicht abbringen. Eben auch deshalb, weil ich es selbst in die Hand nehme.
  

1 Kommentar:

  1. Ich bin durch Zufall auf dieses Blog gestoßen. Es hebt sich erfrischend vom sonstigen Eiapopeia-Einheitsbrei zu Nepal ab. Ich bin selbst viel in Nepal unterwegs. Wenn du mal wieder dort bist, hoffe ich, du bloggst wieder!

    AntwortenLöschen