*frz.: Nichts geht mehr
Wie fängt ein guter Tag an? Ich werde von meinem Handywecker geweckt, gehe runter in die Küche, schalte das Licht an und setze mir heißes Wasser auf. Dann prüfe ich die Wassertanks und falls die leer sein sollten, muss Wasser nachgefüllt und gepumpt werden. Ach, waren das gute Zeiten!
Mittlerweile sind wir hier in Panauti bei 11 Stunden Stromausfall täglich angekommen, mein Handyakku ist ständig leer, es gibt kein Licht, keinen Zugang zum Internet und ich kann erst in vier Tagen wieder Wasser pumpen (Es gibt nämlich nur von 06:00 bis 08:00 Uhr morgens Wasser in den Leitungen. Und wenn da gerade kein Strom da ist, kann man die elektrische Pumpe nicht nutzen).
Über Wochen hat sich die Stromausfalldauer langsam aber sicher gesteigert und hat noch nicht mal die höchstmögliche Stufe von 16 Stunden täglich erreicht. Der offizielle Grund für die Ausfälle lautet „Strom-Einsparungsmaßnahme“. Nepal ist reich an fließend Wasser und der Strom wird hier überwiegend von Wasserkraftwerken erzeugt. In der Trockenzeit, also dem Winter, gibt es zu wenig Wasser, um diese effektiv zu speisen und deswegen wird der wenige Strom im ganzen Land gleichmäßig aufgeteilt. Es gibt einfach zu wenig davon. Ich hatte ja schon einmal darüber geschrieben – auch über die
Tabelle, die wöchentlich von der Elektrizitätsgesellschaft veröffentlicht wird. Der Sinn dieses Plans ist, den wenigen Strom so zu verteilen, dass alle etwas davon haben können. Typischerweise gilt aber auch hier der alte Grundsatz aus dem Buch
Farm der Tiere: "Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher." Wer Kontakte und Geld hat, muss sich nicht mit den ollen Stromausfalltabellen herumschlagen und erfreut sich an seinem hauseigenen Generator.
Ende letzten Jahres führte die nepalesische Regierung Verhandlungsgesprächen mit Indien, um gute Preiskonditionen für importieren Strom auszuhandeln. Was ist jetzt aber daraus geworden? Die versprochene Stromlieferung aus Indien hat ihren Weg noch nicht nach Nepal gefunden.
Doch selbst die besten Erklärungen können mich bis jetzt nicht überzeugen. Ich bin mir sicher, dass es pure Schikane seitens der Politiker ist, die ihre Leute klein halten wollen und schmutzige Machenschaften mit Indien haben. Und gerade ich schreibe das, die allergisch gegen Verschwörungstheorien jeglicher Art ist.
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| Panauti bei Nacht. Ohne Generator. |
Anfangs saß ich noch ohne Licht in meinem Haus, aber jetzt habe ich Zugang zum Generator. Dem Generator sei dank habe ich in allen Räumen von 17:00 bis 04:00 Uhr morgens ein Licht im Dunkeln. Und das für unschlagbare 450 Nepalesische Rupien (4,50 EUR) monatlich!
Und der mangelde Strom ist erst der Anfang. Auch mangelt es im ganzen Land momentan an Benzin, was dazu führt, dass es an manchen Tagen massive Staus an den Tankstellen gibt.
In den Zeitungen beschweren sich Nepalesen über die miserablen Zustände und klagen ihre Regierung an. Zurzeit gehen auch die Studentenvereinigungen auf die Straße und singen Hassparolen gegen die gegenwärtige Regierung. Sie fordern, leider teilweise gewaltsam, dass die Benzin- und Gaspreise runtergehen … und falls das nicht geschieht, soll der Prime Minister zurücktreten!
Imke und ich fragten uns auch, warum sich ausgerechnet die Studenten zu diesen Protesten berufen fühlen. Die einzige Antwort, die wir bisher fanden: Sie sind auf die Busse angewiesen oder müssen mit dem Motorrad täglich zur Universität pendeln.
Und sie protestieren auch gegen die gestiegenen Gaspreise: In Pokhara haben sich sich die Studenten vor ihre Universität gesetzt und ungekochten Reis gegessen. Bei mittlerweile 1500 Nepalesischen Rupien (ca. 15 EUR) für eine Gasflasche ist das auch kein Wunder! Da bleibt vielen nichts anderes übrig, als wieder mit getrocknetem Kuhdung Feuer zu machen (und das ist kein Scherz).
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| Der arme Student bei Kerzenlicht; die nepalesische Version |
Und als ob das alles nicht schon genügend Chaos ausrichten würde, gibt es dazu noch regelmäßig Generalstreiks, die den gesamten Verkehr für einen ganzen Tag lahm legen. Diese heißen auf English „bandh“ und finden (so habe ich es zumindest bisher erlebt) mindestens zweimal im Monat statt. Das tritt in der Regel immer dann ein, wenn man eigentlich was vor hat und mit dem Bus nach Kathmandu oder so fahren möchte. Pustekuchen! Statt geplanten Ausflug kann man dann zusehen, wie Autoreifen auf der Straße verbrannt werden, während die Ticket-Boys unter dem stehenden Bus ein Nickerchen halten und die Polizisten unter einem Baum sitzend über die politische Lage des Landes diskutieren.
In der Novemberausgabe der ESC Nepal vom Jahre 2009 fand ich diese treffende Beschreibung, die mich zum Lachen brachte: „Our nation has shown the world what can be achieved by involuntary action. Regular bandhs keep our carbon emissions in check. Petroleum shortage means fewer vehicles on our roads, which in turn reduces accidents. We save more than other nations; doubters need only look up our shedule for power cuts. Global recession can’t touch us, our people haven’t any money to lose. We don’t do things, we let them happen.“ (Kapil Bisht)
Ich dachte, das wäre schon das größtmögliche Chaos, aber eines Tages wurde ich eines Besseren belehrt: Es gab im ganzen Land plötzlich mehrere Tage lang einen Mangel an Handyaufladekarten.
Da sitzt man nun. Man kann nirgends hinfahren, den Laptop nicht aufladen, hat keinen Strom, kein Internet, weder Akku noch Guthaben auf dem Handy und wenn man Pech hat auch kein Gas für den Gaskocher.
Da hilft nur ein Feuerchen unter klarem Sternenhimmel. Abwarten und Bier trinken.
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Ein nepalesischer Bieröffner;)
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