Montag, 13. Februar 2012

Das Rätsel um die "missed calls"

Es gibt ein nepalesisches Phänomen, das alle Europäer ziemlich verwirrt. Es sind die „missed calls“, die die Nepalesen so gerne geben. Im Grunde ist das Rezept ganz simpel: Man nehme einen befreundeten Nepalesen und ein Handy. Wenn er deine Handynummer hat, wirst du früher oder später angeklingelt. Einfach nur so. Hab an dich gedacht. Mir ist grad langweilig. Gleich gibt’s Reis und bis dahin ist Leerlauf. Es klingelt, ein, höchstens zwei Mal und dann sitzt man als Euroäer da und grübelt. Hat er kein Geld auf dem Handy? Soll ich nun zurück rufen? Ist vielleicht was passiert? Und die Verwirrung ist dann perfekt, wenn man dann wirklich zurückruft! Am anderen Hörerende hat man nun einen lachenden Nepalesen, der einem erklärt, er hätte eben an einen gedacht und es ist nichts passiert.

Ach, die Himalayas... und jetzt ein "missed call"!

Aber umso länger ich darüber nachdenke, desto mehr Sinn macht es für mich. Ich denke auch manchmal an meine Freunde und habe eigentlich nichts zu berichten. Während ich in der Küche gerade Möhren schnibble oder am Zeitungsstand in der Schlange stehe, erinnere ich mich an Diana, Weronika, Svenja oder Esther und hab dann so einen warmen Impuls. Aber setze ich in der Regel nicht um, wenn ich effektiv nichts zu sagen habe. Eigentlich schade!
Ich finde es schön, dass es in Nepal einen möglichen Raum für diesen Impuls gibt.

   

Donnerstag, 9. Februar 2012

Gedanken zur Toleranz

Letztens hatte ich aber eine sehr simple Erkenntnis, die überraschend lange gebraucht hatte, aber umso intensiver war. Ich hatte plötzlich verstanden, dass hier in Nepal einfach alles anders ist.
 
Das klingt jetzt wie eine Binsenweisheit (à la „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!“), deswegen muss ich das jetzt etwas erklären. Mir ist klar geworden, dass ich ständig Vergleiche herangezogen habe mit Deutschland, Polen, Türkei und was ich sonst noch kenne. Ich konnte es beispielsweise anfangs überhaupt nicht einordnen, warum sich die Nepalesen untereinander teilweise grob behandeln. Man tritt sich, schubst sich, schlägt sich – aber weinen tut deswegen niemand. Man lacht oder ignoriert es und damit hat’s sich. Denn eigentlich hat man sich lieb und nimmt sich auch ganz unverhohlen in den Arm, in aller Öffentlichkeit.
  
So gehört bröckelnder Putz von den Wänden und eine braun-verspritzte Küchenzeile zu den normalsten Dingen der Welt. Es gibt unendlich viele Beispiele, bei denen bei uns Westlern sofort die Alarmglocken klingeln. Wir denken dann: „Wie primitiv!“, „Igitt!“ oder „Was für eine schreckliche Armut!“, dabei messen wir mit unseren Maßstäben.

In unseren europäischen Augen fehlt es in Nepal in jeglicher Hinsicht an Ordnung. In den Geschäften liegen die Geldscheide lose und unsortiert in Holzladen oder Schachteln. Die Mandarinenschalen werden einfach in hohem Bogen in den Hof geworfen. Manche schlafen in den Kleidern, die sie seit einer Woche anhaben. Und manche waschen sich im Winter mal zwei Monate nicht.
  
Nepal zeigt: Es geht auch ohne Windeln.

Morgens werden die Hauseingänge mit einer Mischung aus Kuhdung und Wasser "gereinigt". Es herrscht der Glaube, dass Kuhdung desinfizierend und besonders rein ist. Das liegt auch in dem Glauben begründet, dass die Kuh heilig ist und ihre Extremente aufgeweicht, getrocknet oder verbrannt die Atmosphäre reinigen.

Ein "gereinigter" Hauseingang

Doch all dies bedeutet nicht, dass hier in Nepal die Menschen schmutzig und alles voller Keime und demoralisiert ist. Es ist wahr, dass es nicht so sauber ist wie in Deutschland, aber die Lebensumstände hier erschweren alles ungemein.
Hinzu kommt, dass es statt dem uns bekannten Sauberkeitsystems ein anderes gibt. So muss in manchen Familien nach dem Essen die Essenshand gewaschen werden, auch wenn man den Löffel benutzt hatte. Dann verstehen die Nepalesen gar nicht, wie zerknitterte Kleider oder Schals modern sein können – nur gebügelt ist ordentlich! Und auch die Regel die Schuhe auszuziehen bevor man eine Wohnung betritt gehört zu dem nepalesischen Sauberkeitsverständnis. Es ist ein geschlossenes System, das, so wie es ist, funktioniert und schlüssig ist. Die Menschen kennen es nicht anders und finden nichts Falsches daran.

Wäsche trocknen auf nepalesisch

Ich habe gelernt, lieber nichts vorschnell zu bewerten, denn am Ende ist doch alles anders als es scheint.

Naranjan, ein befreundeter buddhistischer Mönch, erklärte mir neulich, dass der menschliche Geist wie ein leeres Behältnis sein sollte. Ich fragte ihn, was er damit genau meinte und er führte aus, dass es neben dem leeren Behältnis auch das ein volles und eins mit Loch gäbe. Ist der Geist wie ein volles Behältnis, gibt es keinen Platz mehr für neue Eindrücke. Diesem Menschen mangelt an es Auffassungsgabe, er ist stolz und arrogant und statt das Neue zu verstehen, vergleicht er immer mit dem ihm Bekannten. 

Das Behälntis mit Loch kann ständig gefüllt werden, jedoch sickert alles durch. Diesem Menschen kann man viel zeigen und erklären, aber es füllt den Geist nicht aus. Es bleibt sozusagen nichts hängen und diese Menschen werden auch als diese bezeichnet, die „nicht folgen“.

Dann gibt es noch das leere Behältnis. Diesem Menschen kann man viel zeigen und beibringen. Sie sind pur, ergeben und ihr Geist bewegt sich frei. 

Ich finde diese Kategorien sehr hilfreich, um die menschliche Auffassungsgabe zu veranschaulichen. Meiner Ansicht nach ist es wirklich erstrebenswert, wie ein leeres Behältnis zu sein; insbesondere wenn man Asien bereist.

  

Freitag, 3. Februar 2012

Ambikas Geschenk

Eines Tages bekam ich Besuch von zwei Kindern, die ganz neugierig erst mich und dann mein Haus begutachteten. Es stellte sich heraus, dass sie meine Nachbarn sind und auf eine Privatschule gehen, weswegen wir uns problemlos auf Englisch verständigen konnten. Ein Mädchen, Ambika, frage mich plötzlich, ob ich denn Buddhistin sei. Einfachheitshalber bejahte ich die Frage, woraufhin mich beide Mädchen zum buddhistischen Kloster um die Ecke mitnahmen und mich dem Mönch vorstellten, der dort alleine lebt.

Am nächsten Tag kam Ambika wieder und brachte mir etwas mit, was sie in Zeitung eingewickelt hatte. Respektvoll und mit einer Kopfverbeugung überreichte sie es mir und sagte, dass ich das jeden Morgen für meine Ölkerze benutzen soll. Ich öffnete das Papierpäckchen und sah, dass sie mir Dochte geschenkt hatte. Sie erklärte mir, dass ich sie für mein Morgengebet nutzen soll und dass man sich sowas nicht selbst kaufen sollte. Ich war total gerührt und fand keine richtigen Worte, um mich bei ihr zu bedanken.

Einige Tage später besuchte mich Ambika wieder. Diesmal hatte sie mir etwas sehr Besonderes zu geben: Ein buddhistisches Gebet.

Buddha saranam gatchami
Sangan saranam gatchami
Darnam saranam gatchami
Duti ampi saranam saranam gatchami
Duti ampi sangam saranam gatchami
Duti ampi tarnam saranam gatchami

Vielleicht klingt das jetzt kitschig, aber ich glaube daran: Manchmal sendet mir das Universum kleine Engel.