Samstag, 1. September 2012

So was wie ein Abschied...

Irgendwann ist leider mein Blog-Strom in Nepal abgerissen. Ich begann zu reisen, zu meditieren und ein Leben ohne virtuelle Verbindung zu geniessen. Mit dem mangelnden Strom verschwand auch ich vom Monitor und habe viele meiner Freunde enttäuscht. Das hat mir sehr weh getan und machte mich unruhig, denn es gab noch so viel zu erzählen und zu zeigen.

Bis heute habe ich das Bedürfnis, meine bisher unveröffentlichten Blogs zum Lesen frei zu geben. Ob es aber noch jemanden gibt, der das lesen würde? Ist denn nicht schon alles vorbei, jetzt, wo ich wieder in Deutschland bin? Letztere Frage kann ich aber definitv mit einem 'Nein' beantworten: Nur weil ich nicht mehr in Nepal bin, ist es für mich nicht aus und vorbei. Ich frage mich eher, wann ich endlich wieder (geistig) voll und ganz in Deutschland ankomme? Oder ob ich irgendwo in einer Zwischenwelt hängen geblieben bin, mit all den reisenden Hippies und Backpackern durch eine Galaxie der Zwischenwelten purzelnd?

In nächster Zeit möchte ich in unregelmäßigen Abständen noch einige bisher unveröffentlichte Nepal-blogs posten und hoffe, dass es noch einige Leser geben wird, die sich daran erfreuen.

Ich stehe auf dem Durbar Square, Kathmandu - - geistig immer noch

Als "offiziellen Nepal-Abschied" und als Inspiration für alle, die darum wissen, wie anstrengend es ist zu sich selbst zu reisen, ein Lied, das mich seit Anbeginn meiner Reise begleitet hat. Es ist ein wahres Urgestein auf meinem mp3-Player geworden und ich bin dem immer noch nicht überdrüssig geworden.

Hier klicken für: GLASHAUS - Ich komm zu dir

Siehst du noch nichts am Horizont?
Mach dir keine Sorgen sei dir Gewiss, ich komme schon
Versprochen ist Versprochen und ich halte Wort
Es sind nur noch Tage höchstens Wochen, ich bin bald dort.


Ich komm' zu dir zu dir
Ich komm' zu dir zu dir


Ich hab' genug hier gesündigt ich räum jetzt das Feld.
Ich hab' die Wohnung gekündigt und die Getränke abbestellt.
Ich hab' den Menschen die ich schätze den sieben oder acht,
Schon gesagt, dass ich weg bin und mit dem Rest meinen Frieden gemacht.


Ich komm' zu dir zu dir
Ich komm' zu dir zu dir
Ich komm' zu dir zu dir
Ich komm' zu dir zu dir


Ich hab' die Koffer gepackt und alle Lügen gebeichtet.
Ich hab' es schon mal gesagt, aber ich bin sicher es reicht jetzt.
Ich hab' die Flasche geext ohne zu wissen was der Inhalt war.
Es ist reiner Reflex.

Ich bin bald da!

Wohin des Weges?

Da sag ich nur: Inshallah!


Montag, 13. Februar 2012

Das Rätsel um die "missed calls"

Es gibt ein nepalesisches Phänomen, das alle Europäer ziemlich verwirrt. Es sind die „missed calls“, die die Nepalesen so gerne geben. Im Grunde ist das Rezept ganz simpel: Man nehme einen befreundeten Nepalesen und ein Handy. Wenn er deine Handynummer hat, wirst du früher oder später angeklingelt. Einfach nur so. Hab an dich gedacht. Mir ist grad langweilig. Gleich gibt’s Reis und bis dahin ist Leerlauf. Es klingelt, ein, höchstens zwei Mal und dann sitzt man als Euroäer da und grübelt. Hat er kein Geld auf dem Handy? Soll ich nun zurück rufen? Ist vielleicht was passiert? Und die Verwirrung ist dann perfekt, wenn man dann wirklich zurückruft! Am anderen Hörerende hat man nun einen lachenden Nepalesen, der einem erklärt, er hätte eben an einen gedacht und es ist nichts passiert.

Ach, die Himalayas... und jetzt ein "missed call"!

Aber umso länger ich darüber nachdenke, desto mehr Sinn macht es für mich. Ich denke auch manchmal an meine Freunde und habe eigentlich nichts zu berichten. Während ich in der Küche gerade Möhren schnibble oder am Zeitungsstand in der Schlange stehe, erinnere ich mich an Diana, Weronika, Svenja oder Esther und hab dann so einen warmen Impuls. Aber setze ich in der Regel nicht um, wenn ich effektiv nichts zu sagen habe. Eigentlich schade!
Ich finde es schön, dass es in Nepal einen möglichen Raum für diesen Impuls gibt.

   

Donnerstag, 9. Februar 2012

Gedanken zur Toleranz

Letztens hatte ich aber eine sehr simple Erkenntnis, die überraschend lange gebraucht hatte, aber umso intensiver war. Ich hatte plötzlich verstanden, dass hier in Nepal einfach alles anders ist.
 
Das klingt jetzt wie eine Binsenweisheit (à la „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!“), deswegen muss ich das jetzt etwas erklären. Mir ist klar geworden, dass ich ständig Vergleiche herangezogen habe mit Deutschland, Polen, Türkei und was ich sonst noch kenne. Ich konnte es beispielsweise anfangs überhaupt nicht einordnen, warum sich die Nepalesen untereinander teilweise grob behandeln. Man tritt sich, schubst sich, schlägt sich – aber weinen tut deswegen niemand. Man lacht oder ignoriert es und damit hat’s sich. Denn eigentlich hat man sich lieb und nimmt sich auch ganz unverhohlen in den Arm, in aller Öffentlichkeit.
  
So gehört bröckelnder Putz von den Wänden und eine braun-verspritzte Küchenzeile zu den normalsten Dingen der Welt. Es gibt unendlich viele Beispiele, bei denen bei uns Westlern sofort die Alarmglocken klingeln. Wir denken dann: „Wie primitiv!“, „Igitt!“ oder „Was für eine schreckliche Armut!“, dabei messen wir mit unseren Maßstäben.

In unseren europäischen Augen fehlt es in Nepal in jeglicher Hinsicht an Ordnung. In den Geschäften liegen die Geldscheide lose und unsortiert in Holzladen oder Schachteln. Die Mandarinenschalen werden einfach in hohem Bogen in den Hof geworfen. Manche schlafen in den Kleidern, die sie seit einer Woche anhaben. Und manche waschen sich im Winter mal zwei Monate nicht.
  
Nepal zeigt: Es geht auch ohne Windeln.

Morgens werden die Hauseingänge mit einer Mischung aus Kuhdung und Wasser "gereinigt". Es herrscht der Glaube, dass Kuhdung desinfizierend und besonders rein ist. Das liegt auch in dem Glauben begründet, dass die Kuh heilig ist und ihre Extremente aufgeweicht, getrocknet oder verbrannt die Atmosphäre reinigen.

Ein "gereinigter" Hauseingang

Doch all dies bedeutet nicht, dass hier in Nepal die Menschen schmutzig und alles voller Keime und demoralisiert ist. Es ist wahr, dass es nicht so sauber ist wie in Deutschland, aber die Lebensumstände hier erschweren alles ungemein.
Hinzu kommt, dass es statt dem uns bekannten Sauberkeitsystems ein anderes gibt. So muss in manchen Familien nach dem Essen die Essenshand gewaschen werden, auch wenn man den Löffel benutzt hatte. Dann verstehen die Nepalesen gar nicht, wie zerknitterte Kleider oder Schals modern sein können – nur gebügelt ist ordentlich! Und auch die Regel die Schuhe auszuziehen bevor man eine Wohnung betritt gehört zu dem nepalesischen Sauberkeitsverständnis. Es ist ein geschlossenes System, das, so wie es ist, funktioniert und schlüssig ist. Die Menschen kennen es nicht anders und finden nichts Falsches daran.

Wäsche trocknen auf nepalesisch

Ich habe gelernt, lieber nichts vorschnell zu bewerten, denn am Ende ist doch alles anders als es scheint.

Naranjan, ein befreundeter buddhistischer Mönch, erklärte mir neulich, dass der menschliche Geist wie ein leeres Behältnis sein sollte. Ich fragte ihn, was er damit genau meinte und er führte aus, dass es neben dem leeren Behältnis auch das ein volles und eins mit Loch gäbe. Ist der Geist wie ein volles Behältnis, gibt es keinen Platz mehr für neue Eindrücke. Diesem Menschen mangelt an es Auffassungsgabe, er ist stolz und arrogant und statt das Neue zu verstehen, vergleicht er immer mit dem ihm Bekannten. 

Das Behälntis mit Loch kann ständig gefüllt werden, jedoch sickert alles durch. Diesem Menschen kann man viel zeigen und erklären, aber es füllt den Geist nicht aus. Es bleibt sozusagen nichts hängen und diese Menschen werden auch als diese bezeichnet, die „nicht folgen“.

Dann gibt es noch das leere Behältnis. Diesem Menschen kann man viel zeigen und beibringen. Sie sind pur, ergeben und ihr Geist bewegt sich frei. 

Ich finde diese Kategorien sehr hilfreich, um die menschliche Auffassungsgabe zu veranschaulichen. Meiner Ansicht nach ist es wirklich erstrebenswert, wie ein leeres Behältnis zu sein; insbesondere wenn man Asien bereist.

  

Freitag, 3. Februar 2012

Ambikas Geschenk

Eines Tages bekam ich Besuch von zwei Kindern, die ganz neugierig erst mich und dann mein Haus begutachteten. Es stellte sich heraus, dass sie meine Nachbarn sind und auf eine Privatschule gehen, weswegen wir uns problemlos auf Englisch verständigen konnten. Ein Mädchen, Ambika, frage mich plötzlich, ob ich denn Buddhistin sei. Einfachheitshalber bejahte ich die Frage, woraufhin mich beide Mädchen zum buddhistischen Kloster um die Ecke mitnahmen und mich dem Mönch vorstellten, der dort alleine lebt.

Am nächsten Tag kam Ambika wieder und brachte mir etwas mit, was sie in Zeitung eingewickelt hatte. Respektvoll und mit einer Kopfverbeugung überreichte sie es mir und sagte, dass ich das jeden Morgen für meine Ölkerze benutzen soll. Ich öffnete das Papierpäckchen und sah, dass sie mir Dochte geschenkt hatte. Sie erklärte mir, dass ich sie für mein Morgengebet nutzen soll und dass man sich sowas nicht selbst kaufen sollte. Ich war total gerührt und fand keine richtigen Worte, um mich bei ihr zu bedanken.

Einige Tage später besuchte mich Ambika wieder. Diesmal hatte sie mir etwas sehr Besonderes zu geben: Ein buddhistisches Gebet.

Buddha saranam gatchami
Sangan saranam gatchami
Darnam saranam gatchami
Duti ampi saranam saranam gatchami
Duti ampi sangam saranam gatchami
Duti ampi tarnam saranam gatchami

Vielleicht klingt das jetzt kitschig, aber ich glaube daran: Manchmal sendet mir das Universum kleine Engel. 

  

Donnerstag, 26. Januar 2012

Des Brahmanen Schnürchen

In der Kaste der Brahmanen (aber nicht ausschließlich) trägt der Mann, quer über ihre Brust gespannt, ein Baumwollschnürchen. Durch Geburt ist der Brahmane dazu verpflichtet, einen besonders edlen und reinen Lebenswandel zu führen und es ist das Schnürchen auch die Funktion, ihn tagtäglich daran zu erinnern. Es ist heilig und darf nicht abgelegt werden.
 

Mit Freunden rätselten wir eines Abends mal bei Masala-Erdnüssen und Everest-Bier, was der Brahmane denn macht, wenn er sich mal waschen muss. Wäscht er sich unter dem Schnürchen? Um das Schnürchen herum? Die Antwort, die wir dann bekamen, erheiterte uns sogar noch mehr als alle möglichen Spekulationen: Manche Brahmanen wickeln es sich ums Ohr.
Wir konnten natürlich nicht anders, als weiter zu fragen – Was macht denn der Brahmane mit einem Schnürchen, wenn er … naja… Brahmanen-Babies machen möchte? Wird das Schnürchen dann ums andere Ohr gewickelt? Der Abend wurde immer lustiger, aber wir fanden die Antwort damals nicht.

P.S.: Erst Tage später bekam ich über einen Zufall tatsächlich die Antwort. Der Brahmane nimmt sein Schnürchen behutsam ab, küsst es, führt es zu seiner Stirn und legt es neben das Bett. Das Schnürchen und die damit verbunde Aufgabe soll geehrt werden und in keine schmutzigen Machenschaften involviert sein. Am nächsten Morgen wird es wieder angelegt und niemand hat es gesehen… ;) wie scherzen die Türken so schön? Nachts schläft Allah.

  

Sonntag, 22. Januar 2012

Rien ne va plus*

*frz.: Nichts geht mehr

Wie fängt ein guter Tag an? Ich werde von meinem Handywecker geweckt, gehe runter in die Küche, schalte das Licht an und setze mir heißes Wasser auf. Dann prüfe ich die Wassertanks und falls die leer sein sollten, muss Wasser nachgefüllt und gepumpt werden. Ach, waren das gute Zeiten!

Mittlerweile sind wir hier in Panauti bei 11 Stunden Stromausfall täglich angekommen, mein Handyakku ist ständig leer, es gibt kein Licht, keinen Zugang zum Internet und ich kann erst in vier Tagen wieder Wasser pumpen (Es gibt nämlich nur von 06:00 bis 08:00 Uhr morgens Wasser in den Leitungen. Und wenn da gerade kein Strom da ist, kann man die elektrische Pumpe nicht nutzen).

Über Wochen hat sich die Stromausfalldauer langsam aber sicher gesteigert und hat noch nicht mal die höchstmögliche Stufe von 16 Stunden täglich erreicht. Der offizielle Grund für die Ausfälle lautet „Strom-Einsparungsmaßnahme“. Nepal ist reich an fließend Wasser und der Strom wird hier überwiegend von Wasserkraftwerken erzeugt. In der Trockenzeit, also dem Winter, gibt es zu wenig Wasser, um diese effektiv zu speisen und deswegen wird der wenige Strom im ganzen Land gleichmäßig aufgeteilt. Es gibt einfach zu wenig davon. Ich hatte ja schon einmal darüber geschrieben – auch über die Tabelle, die wöchentlich von der Elektrizitätsgesellschaft veröffentlicht wird. Der Sinn dieses Plans ist, den wenigen Strom so zu verteilen, dass alle etwas davon haben können. Typischerweise gilt aber auch hier der alte Grundsatz aus dem Buch Farm der Tiere: "Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher." Wer Kontakte und Geld hat, muss sich nicht mit den ollen Stromausfalltabellen herumschlagen und erfreut sich an seinem hauseigenen Generator.

Ende letzten Jahres führte die nepalesische Regierung Verhandlungsgesprächen mit Indien, um gute Preiskonditionen für importieren Strom auszuhandeln. Was ist jetzt aber daraus geworden? Die versprochene Stromlieferung aus Indien hat ihren Weg noch nicht nach Nepal gefunden.

Doch selbst die besten Erklärungen können mich bis jetzt nicht überzeugen. Ich bin mir sicher, dass es pure Schikane seitens der Politiker ist, die ihre Leute klein halten wollen und schmutzige Machenschaften mit Indien haben. Und gerade ich schreibe das, die allergisch gegen Verschwörungstheorien jeglicher Art ist.

Panauti bei Nacht. Ohne Generator.

Anfangs saß ich noch ohne Licht in meinem Haus, aber jetzt habe ich Zugang zum Generator. Dem Generator sei dank habe ich in allen Räumen von 17:00 bis 04:00 Uhr morgens ein Licht im Dunkeln. Und das für unschlagbare 450 Nepalesische Rupien (4,50 EUR) monatlich!

Und der mangelde Strom ist erst der Anfang. Auch mangelt es im ganzen Land momentan an Benzin, was dazu führt, dass es an manchen Tagen massive Staus an den Tankstellen gibt.
In den Zeitungen beschweren sich Nepalesen über die miserablen Zustände und klagen ihre Regierung an. Zurzeit gehen auch die Studentenvereinigungen auf die Straße und singen Hassparolen gegen die gegenwärtige Regierung. Sie fordern, leider teilweise gewaltsam, dass die Benzin- und Gaspreise runtergehen … und falls das nicht geschieht, soll der Prime Minister zurücktreten!
Imke und ich fragten uns auch, warum sich ausgerechnet die Studenten zu diesen Protesten berufen fühlen. Die einzige Antwort, die wir bisher fanden: Sie sind auf die Busse angewiesen oder müssen mit dem Motorrad täglich zur Universität pendeln.
Und sie protestieren auch gegen die gestiegenen Gaspreise: In Pokhara haben sich sich die Studenten vor ihre Universität gesetzt und ungekochten Reis gegessen. Bei mittlerweile 1500 Nepalesischen Rupien (ca. 15 EUR) für eine Gasflasche ist das auch kein Wunder! Da bleibt vielen nichts anderes übrig, als wieder mit getrocknetem Kuhdung Feuer zu machen (und das ist kein Scherz).

Der arme Student bei Kerzenlicht; die nepalesische Version

Und als ob das alles nicht schon genügend Chaos ausrichten würde, gibt es dazu noch regelmäßig Generalstreiks, die den gesamten Verkehr für einen ganzen Tag lahm legen. Diese heißen auf English „bandh“ und finden (so habe ich es zumindest bisher erlebt) mindestens zweimal im Monat statt. Das tritt in der Regel immer dann ein, wenn man eigentlich was vor hat und mit dem Bus nach Kathmandu oder so fahren möchte. Pustekuchen! Statt geplanten Ausflug kann man dann zusehen, wie Autoreifen auf der Straße verbrannt werden, während die Ticket-Boys unter dem stehenden Bus ein Nickerchen halten und die Polizisten unter einem Baum sitzend über die politische Lage des Landes diskutieren.

In der Novemberausgabe der ESC Nepal vom Jahre 2009 fand ich diese treffende Beschreibung, die mich zum Lachen brachte: „Our nation has shown the world what can be achieved by involuntary action. Regular bandhs keep our carbon emissions in check. Petroleum shortage means fewer vehicles on our roads, which in turn reduces accidents. We save more than other nations; doubters need only look up our shedule for power cuts. Global recession can’t touch us, our people haven’t any money to lose. We don’t do things, we let them happen.“ (Kapil Bisht)

Ich dachte, das wäre schon das größtmögliche Chaos, aber eines Tages wurde ich eines Besseren belehrt: Es gab im ganzen Land plötzlich mehrere Tage lang einen Mangel an Handyaufladekarten.

Da sitzt man nun. Man kann nirgends hinfahren, den Laptop nicht aufladen, hat keinen Strom, kein Internet, weder Akku noch Guthaben auf dem Handy und wenn man Pech hat auch kein Gas für den Gaskocher.

Da hilft nur ein Feuerchen unter klarem Sternenhimmel. Abwarten und Bier trinken.

Ein nepalesischer Bieröffner;)

 

Montag, 7. November 2011

Es gibt Reis..!

Was ein echter Nepalese ist, der ist davon überzeugt, dass er ohne Reis verhungern würde. Wenn ich den Nepalesen erzähle, dass man in Deutschland keinen Reis am Anfang und Ende des Tages isst, machen sie große Augen und fragen: „What do you eat then?“ Kein Wunder, dass das nepalesische Nationalgericht Reis mit einer dünnen Linsenbeilage ist: Daal Bhat.

Daal – Linsensuppe
Bhat – Reis

So habe ich mir übrigens links und rechts gemerkt:
Daayaa – Rechts – Mit dieser Hand ist man Daal Bhat
Baayaa – Links – Diese Hand ist Bäh

Und an dieser Stelle muss ich noch einen Spruch zum Besten geben, den mir jemand hier ganz am Anfang gesagt hat:

The nepalese digestive system starts with the right hand and ends with the left hand.
(kleine Erinnerungsstütze: Es gibt kein Klopapier...)

Manche Nepalesen fühlen sich nicht ernährt, wenn sie nicht zweimal täglich ihre (riesige) Portion Reis erhalten haben. Das geht sogar so weit, dass wenn sie abends auf einer Veranstaltung waren, bei der es etwas Anderes als Reis zu essen gab, sie zu Hause (egal wie satt sie eigentlich sind) nochmal ihren Reis essen. Unsere tägliche Portion Reis gib uns heute.

Die nepalesische Variante des „How are you?“ ist folglich „Khana khanu bhayo?“ (“Hast du schon gegessen?”). Ich werde auch ständig gefragt, ob ich schon meinen Reis hatte und dann lüge ich ganz unverhohlen, dass das natürlich der Fall sei. Wer mich kennt, weiß dass ich alles Mögliche, aber auf jeden Fall nicht zweimal am Tag Reis mit Linsenbeilage essen würde:) Jedoch beruhigt es den Fragenden ungemein und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit, dass auch bei mir die Welt in Ordnung ist. Glücklich und zufrieden kann er seinen Tag fortsetzen, und wird mich auch morgen wieder fragen. Wie soll man einem Nepalesen auch erklären, dass man Tierfutter wie Haferflocken und Obst isst?

frischer Reis
Passend zum Thema und für alle Liebhaber des schlechten Geschmacks – Das ultimative Reis-Lied! Helge Schneider - Es gibt Reis

Momentan ist die Zeit der Reisernte und man nachdem der Reis mit Handarbeit und Muskelkraft geerntet wurde, wird er auf den freien Plätzen der Stadt auf Plastikplanen getrocknet.



Nach der Ernte

Was vom Reis übrig blieb...

Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass viele Frauen nur auf der linken Hand lange Fingernägel züchten und lackieren. Es ist so, dass die rechte Hand zum Essen und Schreiben da ist und sozusagen „vernünftig“ bleiben muss, wohingegen auf der linken sich die weibliche Kunstfertigkeit austoben kann.
Es gibt lustigerweise auch eine männliche Variante dieses Denkens: Der lang gezüchtete kleine Fingernagel! Als ich das das erste Mal sah, dachte ich, der sei zum Koks-Schnüffeln da. Die Männer hegen und pflegen ihren langen Fingernagel und finden ihn ziemlich cool. Für mich widerspricht sich das Ganze etwas mit der herrschenden Ansicht, dass die linke Hand unrein sei. 

Noch ist mir die nepalesische Seele in vielerlei Hinsicht ein Rätsel... Und nicht nur wenn es um Reis geht!
  

Sonntag, 30. Oktober 2011

Mero ghar ramro chha*

* Mein Haus ist schön

Wie schon angekündigt, stelle ich endlich die Bilder von meinem neuen Haus online! Es ist rustikal, traditionell und mein kleiner wahrgewordener Traum.

Bisher hatte ich im ILBS Nepal Office gelebt, jedoch hatte ich dort keine Küche zur Verfügung. Darüber hinaus hat die Gemeinde mit der Verlegung der Wasserleitung geschlampt und jede Woche musste Prasant für mich sehr umständlich Wasser in meinen Tank pumpen - von einem anderen Haus zu mir rüber.

Ich hatte also begonnen unverbindlich herumzufragen, ob denn nicht jemand eine billige Unterkunft mit Küche und Wasser hätte und - voilà! - schon wurde ich fündig. Ein wohlhabender Lehrer, der auf einer Privatschule unterrichtet, ist mit seiner Familie vor fast einem Jahr in ein neues, modernes Betonhaus gezogen. Ihr traditionell gebautes Haus (aus Lehm, Kuhdung und tausend anderen obskuren Mitteln) in der Mitte von Panauti steht seitdem leer und er sagte zu mir, dass es ihm eine Ehre ist, es mir kostenlos zu überlassen. Selbst Wasser und Strom möchte er bezahlen, aber das lass ich natürlich nicht zu.

Kurzerhand bin ich umgezogen... in mein eigenes Haus. Plötzlich war ich auch nicht mehr die weiße Frau, die in einem Büro lebt, sondern ein Teil der Gemeinschaft. Die Nachbarskinder schenkten mir Kerzendochte, damit ich morgens meine Öllampe anzünden kann und zeigten mir, wie ich meinen heiligen Stein vor dem Hauseingang richtig weihe. Seitdem habe ich die (schöne) Verpflichtung jeden Morgen vor meiner Tür zu kehren, meinen Stein mit brauner Farbe einzuschmieren, um danach rote Tika und Blütenblätter draufzustreuen. Jeden Morgen werde ich von all meinen Nachbarn beobachtet und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie ... stolz auf mich sind. Mehr und mehr gehöre ich dazu. Jetzt muss ich nur noch Nepali lernen;)

Die Räume bedarften leider sehr viel Pflege und ich konnte noch nicht alle verschönern... Aber hier nun endlich die Fotos!

Wenn man mein Haus betritt, kommt man an den Reisvorräten der Besitzer vorbei...


...in den Hof, wo der Wasserspeicher, die Toilette und die Küche ist.


Zur Küche gehts rechts


Meine Küchenzeile
Momentan beschäftige ich mich damit, die Küche GELB zu streichen, weil der Schimmel einfach fürchterlich ist. Er kam fingerdick aus der Wand heraus, bevor ich ihn mit Mundschutz abgeschabt habe. Leider ist die Küche kalt und feucht und ungemütlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, hier mal jemanden zum Essen einzuladen. Immerhin wird das Gelb sie etwas gemütlicher machen...

Richtig erkannt: Das Weiß wird im Wasserkocher angerührt,
das Gelb im einzigen Kochtopf


Beim Bad und der Toilette zeigt sich der nepalesische Standart von "sauber"...

Hier muss noch ordentlich Hand angelegt werden
Auch wenn das so nett nach Dusche aussieht: Das Wasser ist so kalt, dass man leider sofort stirbt, wenn man sich unter den Duschkopf stellt. Die rote Schüssel und etwas heiß gekochtes Wasser helfen weiter. An alle Warmduscher zu Hause: Ihr Glücklichen!!!

Das war nicht ich, das war schon so
Sobald ich Gummihandschuhe ausfindig gemacht habe, werde ich meine Chemiekeule benutzen und da mal ordentlich durchschrubben.


Mein Zimmer befindet sich im ersten Obergeschoss. Ich bin gerade mitten im Einrichten... Alle, die mich näher kennen, werden sofort sehen, dass ich hier endlich meine Obsession mit Kreisen ausleben kann:)

Gerade dabei, meine Fotowand zu kleben




Mein Bett, nepali style

Zwischen den Fenstern, die zur Straße zeigen, befindet sich eine kleine Nische für ram, Gott. Noch fehlt eine kleine Buddhastatue aus Lehm, aber das Bild füllt vorerst diese Lücke. Jeden Morgen zünde ich ein Licht (mit den geschenkten Dochten) und Räucherstäbchen an und bin dankbar, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. 

Buddha

Es hat sich herausgestellt, dass es noch einen weiteren Vorteil gibt, in das Haus zu ziehen. Eine ehemalige Mitbewohnerin von mir, Imke aus Oldenburg, kommt nach Nepal und möchte gerne als Volontärin tätig sein. Kurzerhand habe ich ihr fürs Erste eine Stelle an meiner Schule organisiert und ihr ein Zimmer in meinem Haus angeboten. Noch weiss ich nicht, was für Pläne sie in Nepal haben wird, aber es ist immerhin ein erster Anlaufpunkt, ein Basislager sozusagen. Imke hat das Angebot angenommen und nun werden wir in Panauti die Oldenburger Delegation aufbauen - ich freu mich unglaublich auf sie!

Im selben Stockwerk ist noch ein zweites Zimmer. Hier habe ich für Imke zwischenzeitlich ein Bett vorbereitet und sobald sie da ist, wird sie es sich gemütlicher einrichten.



Die Tür auf dem Foto führt auf den Balkon, auf dem sich unser Wasservorrat und ein kleiner Garten befinden. Dank Situ wurde er mit Tulsi (Tee!), Lilien und anderen Blumen bereichert:)


Die Bohnen sind zum Bersten reif... yam yam yam!

Ein Stockwerk höher ist ein abgeschlossenes Zimmer, mein kleiner Lagerraum und ein weiteres großes Zimmer. Vielleicht werde ich dort Wäsche zum trocknen aufhängen? Also ich hatte ehrlich gesagt noch nie zuvor das Problem von zu viel Platz gehabt, eher umgekehrt. Ich freue  mich über Vorschläge!



Und dann gibt es noch ein Stockwerk, in dem zwei weitere abgeschlossene Zimmer sind (In denen Möbel und Mäusefutter.. äh Reissäcke gelagert sind). Dazwischen gibt es einen freien Raum. Hier träume ich von meinem Atelier. Mal sehen, ob ich die magische Grenze zur Realität beschreiten werde.


Ob es wohl eines Tages ein Atelier sein wird...?
Das ist mein kleiner großer Stolz und ich personalisiere es von Tag zu Tag. Situ hat schon Witze gemacht, dass ich es vielleicht kaufen sollte, wenn ich fertig bin.

Morgen Nachmittag holen Prasant, Subesh und ich Imke am Flughafen Kathmandu ab und bringen sie als Erstes nach Panauti... und dann werden wir sehen, wie sich alles entwickelt.

Es bleibt spannend :)

 

Freitag, 21. Oktober 2011

Schon wieder versumpft

Meine lieben Freunde,
leider bin ich schon wieder versumpft und komme nicht zum Schreiben. Mein Kopf ist voller Eindrücke und mein Moleskine ist vollgeschrieben, aber ich bin hyperaktiv und nie zu Hause. Und hier der momentane Grund, warum ich meine Freunde im Skype und im Blog vernachlässige: Ich verschönere gerade Damodar Sirs Hotel. Er unterrichtet mit mir an der Schule und hatte vor ein paar Wochen einen ganz schlimmen Motorradunfall (ein anderes Motorrad ist ihm frontal ans Bein gefahren und hat ihm Haut und Muskel abgerissen. Zum Glück konnte alles gerettet werden und in einem Monat kann er wieder laufen). Als ich ihn mal besucht habe und da so rumsaß, hat es mich gepackt. Ich hab so einen Verschönerungs-Wahn und kann eh nicht still sitzen. Idee, Konzept und Farben waren schnell bereit und fortan male ich täglich mein Riesenbild. Blöd nur, dass ich täglich zwischen Dhulikel und Panauti pendeln muss, weil ich ja noch unterrichte. Das kostet mich zwar sehr viel Zeit und Energie, aber die glücklichen Gesichter der Hotelbesucher und Damodars Familie geben mir wieder Energie.
 
In einem Monat sind die Wolken verschwunden, die die hiesigen Berge umhüllen und man kann dann sehen, wofür Dhulikel berühmt ist: Sein wunderschönes Bergpanorama. Und genau diese Berge male ich gerade an die Küchentrennwand in Damodars Hotelrestaurant.


Beweisfoto ;)

Damodars Familie ist überglücklich

Der status quo - noch bin ich nicht fertig
Ich schätze, dass ich noch einen Tag brauche und dann habe ich beide Wände beendet (es geht nämlich noch um die Ecke).
 
Danach bin ich leider noch mal zwei Tage versumpft, weil ich - - - UMZIEHE! :) Ja, genau. Ich glaube, es ist dann das fünfte Mal dieses Jahr? Mein neues zu Hause ist ein traditionelles Newari-Haus in der selben Straße, in der ich zur Zeit wohne. Was, wo, wie werde ich nach dem Umzug inklusive Bilder nachliefern! Ich freu mich unglaublich und habe heute Nacht sogar schon von meinen neuen vier Wänden geträumt.

Und noch ein paar Worte an die Menschen, die mir besonders nahe stehen: Diana, Mama, Wero. Ich denke jeden Tag an euch und mich zerfrisst das schlechte Gewissen, dass ich unseren Kontakt im Skype nicht pflege. Bitte nimmt es mir nicht übel und versteht meine Abwesenheit nicht falsch. Ich vermisse euch schrecklich und wünsche mir nichts eher, als mich wieder mit jeder von euch ausgiebigst im Skype auszutauschen.

Und ich kann es kaum erwarten, Diana wieder Gitarre spielen zu hören. (üb!!)

Ich liebe euch. Bis bald!

Dienstag, 18. Oktober 2011

Männerfreundschaften

Händchenhalten unter ausgewachsenen Männern ist in Nepal nichts Ungewöhnliches. Wo wir the smell of gayims wittern, empfinden die Nepalesen einfach nur gute Freundschaft und finden es eine schöne Geste. Ganz selbstverständlich fassen sie sich an der Schulter an, umarmen sich, sind sich nahe.

In Kathmandu habe ich tatsächlich Männer im Businesskostüm gesehen, die händchenhaltend in ihre Mittagspause gehen.

Treffen sich zwei Männer auf ein kurzes Gespräch

Während die Mädchen sich gegenseitig mehr oder weniger grob behandeln, gehen die Jungs miteinander verblüffend liebevoll um. Auf der Schule habe ich Jungs beobachtet, die sich fest umarmen, gegenseitig füttern und gegenseitig auf dem Schoß sitzen. Ohne einen einzigen Hintergedanken. Da fragt man sich natürlich: Was ist in unserem fortgeschrittenen Europa schief gelaufen? 

Es gibt doch dieses lustige Video auf Youtube, das erklärt, wie sich Männer richtig umarmen sollen, ohne schief angesehen zu werden (How to give the perfect man hug). Das Tragikkomische an diesem Video ist, dass es gerade deswegen alle zum Lachen bringt, weil es so wahr ist.

Der Verdacht auf Homosexualität ist ein Bestandteil des europäischen Äthers und alle Männer atmen ihn ein. (...wenn ich mich ein wenig amüsieren möchte, stelle ich mir vor, wie ein Nepalese in einem deutschen Großraumbüro Angst und Schrecken mit seiner männerfreundschaftlichen Art in verbreitet...hihi...) Eigentlich ist es schon traurig, in was für eine Isolation die europäischen Männer da verdammt werden; denn unter Frauen geht man schon viel vertrauter miteinander um. Dabei finde ich es sehr sympatisch, wenn sich auch Männer ohne Bedenken eine Kachel aus ihrem Ofen schenken!

Liebe westliche Männerwelt, warum so scheu? Ich glaube hier könnt ihr etwas von den Nepalesen lernen.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Die Tempelglocke

Ich wohne in einem Haus am Ende der Straße und habe nur einen Nachbarn: Ganesha. Der Hindugott in Form eines Elefanten wohnt im Schrein nebenan und wie es so üblich ist, hat er seine eigene Glocke.

Die Glocke

Jeder gläubige Hindu läutet diese, bevor er seine Weihegaben niederlegt. Je nachdem, wie wichtig ihm der Schrein oder seine Bitte an Ganesha ist, wird die Glocke mehr oder weniger leidenschaftlich gebimmelt. In meinen ersten Nächten hörte ich die Glocke jedes einzelne Mal – ab 4 Uhr morgens bis zum Nachmittag und jedes Mal saß ich aufrecht im Bett. Man muss dazu sagen, dass sie, verglichen mit anderen Schreinen, ziemlich groß und laut ist. Zum Glück ist der Mensch ein Gewohnheitstier und mittlerweile habe ich mich an den Klang gewöhnt und fahre nicht mehr jedesmal auf, wenn sie ein Betender benutzt. Was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich mit den Mitbewohnern von Panauti täglich gegen 4 Uhr aufwache;)

Der Schrein
Noch mehr Glocken!

Aber warum muss denn ständig die Glocke am Schrein geläutet werden? Welcher Terrorist kam denn auf diese Idee? Reicht es denn nicht, wenn man seine Gaben einfach betend vor Ganesha legt? Subesh erklärte mir dazu, dass man nicht ohne Weiteres an eine Götterfigur herantreten darf. Man muss sich einerseits ankündigen und auch den Gott zu sich heran klingeln. Die Glocke dient als Bindeglied zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre.

In dem Kulturkreis der Newari thront auf der Glocke eine Schlange und es gilt der Glaube, dass sie die männliche Energie in der Welt repräsentiert, wohingegen die Glocke selbst für die weibliche Energie steht. In Tibet hingegen findet man eine andere Symbolik, aber sie entspricht dem gleichen Muster. Bleibt die Glocke stumm, stehen beide Prinzipien auch blind nebeneinander. Erst durch das Schwingen und Läuten ergeben sie eine sinnvolle Einheit, die die Harmonie des Universums widerspiegelt.
 
Das tibetische Vajra.
Es zerstört das Negative, ist aber selbst unzerstörbar.


Es symbolisiert das aktive männliche Prinzip (upaya – die schaffende Kraft) und wird in der rechten Hand getragen. Das passive weibliche Prinzip (prajna – die Weisheit), wird durch die Glocke repräsentiert und mit der linken Hand geläutet. Nur beider Interaktion kann im Vajrayana Buddhismus zur Erleuchtung führen.

Ein Boddhisatwa mit seiner Geliebten Dharmavajra

Und hier eine andere Interpretation männlicher und weiblicher Prinzipien, die zur Erleuchtung führen kann;) Es ist aber nicht sexuell zu verstehen, sondern metaphorisch. Im Prinzip ist es nicht unterschiedlich von dem, was wir Europäer unter Ying-Yang verstehen – nur dass es hier in Nepal yab-yum (Vater-Mutter) heißt.

Auch Prasant hat mir einen interessanten Aspekt gesagt. (Habe ich schon erwähnt, dass er nicht nur Fotograf, sondern auch gelernter Heilpraktiker ist? Leider praktiziert er nicht mehr, aber er weiß alles über Ying und Yang, den Chi-Fluss, Akupunktur, usw.) Er erklärte mir, dass der Klang der Tempelglocke auch therapeutische Wirkung hat. Er beruhigt und kann uns in einen meditativen Zustand führen. Dieser Gedanke ist mir nicht neu, da ich in Polen einmal Gong-Sessions besucht habe, deren Sinn es war auf einer Yogamatte zu liegen und sich mit geschlossenen Augen eine Stunde lang be-gongen zu lassen. Es war das erste Mal, dass mein Gehirn sich in einem meditativen Zustand ausschaltete. Nach dieser Erfahrung hörte ich die Welt des Klangs buchstäblich mit anderen Ohren. Von der Gong-Meisterin lernte die ich auch Theorie kennen, dass man schöne Klänge in die Seele hineinlassen soll und hässliche Störgeräusche ohne Bewertung vorbeirauschen lassen soll.

In der Praxis sieht es aber so aus, dass das Ticken einer Wanduhr mich nachts vollkommen wahnsinnig machen kann. (Meine Familie muss nach meiner Abreise immer die Uhren in diversen Schränken zwischen Bettlaken und Handtüchern suchen…hihiJ) Meditation hin oder her – Sperrt man mich mit einer tickenden Uhr in einen Raum, fühle ich mich klaustrophobisch gefangen in einer schwarz-weiß-gekachelten (Philipp, das ist für dich!) monotonen Geräuschwelt, in der ein ewig selber Ton kalt und erbarmungslos auf mich hinunter tropft! Uaaaarhg!!


Und auch Situ sagte etwas Interessantes zum Läuten der Tempelglocke. Durch das Läuten werden nämlich Umwelt, Körper und Seele gereinigt und sind bereit für die Begegnung mit der Gottheit. Es gibt sogar Theorien, die behaupten, dass diese Schwingungen die Wasserpartikel in unserem Körper neu anordnen und uns somit neu formatieren. Wenn man also laut dieser Theorie ein gutes Glockenspiel zu Hause aufhängt, reinigt es den Raum und uns von negativen Schwingungen. Insbesondere Glocken aus Kristall, Keramik oder qualitativ guten Metall, die saubere und sanfte Schwingungen und ganz klare Töne erzeugen, sollen diese Wirkung haben. Im Gegensatz zu diesen riesigen billigen Blechglockenspielen, die in diversen deutschen Vorgärten vor sich hin dröhnen.
In der Ayurveda-Heilkunde gibt es auch spezielle Musik, Gandharva-Veda-Musik, die diese Wirkung auf die menschliche Seele haben soll. Sie wird auf den Rhythmus unseres Atems, Pulses und Tages zurückgeführt und soll die kosmische Harmonie widerspiegeln. Wie meine Gong-Meisterin damals sagte: Alles ist Schwingung. Auch Mantras, die man gebetsartig vor sich her sagt, können in uns etwas zum Schwingen bringen.  

Ich liebe es, Gebetsmühlen zu drehen
Bei jeder gedrehten Gebetsmühle sagt man das Mantra OM MANI PADME HUM. Dieser Text ist auch auf ihnen eingraviert

Auch Derwische haben das Drehen für sich entdeckt und wirbeln in Ekstase ihrer inneren Reinigung entgegen. Ob etwas sich regelmäßig dreht oder sinuskurvenmäßig schwingt – das Prinzip ist gleich.

Persönlich habe ich es noch nicht ausprobiert, aber ich bin im Grunde davon überzeugt, dass Töne unsere Seele färben. Und ein wenig kristallines Blau oder warmes Orange können auch den grausten Großstadttag aufhellen. Vor allem in unserer westlichen Gesellschaft, wo wir aggressive und traurige Musik kultivieren. Das ist mir auch erst hier in Nepal richtig bewusst geworden. Die Musik, die hier gehört wird, ist vollkommen anders. Hier ein Beispiel für positiven Nepali-Brainwash:


Man sollte probeweise Emos mit dieser Musik beschallen und gucken was mit ihnen geschieht;) Vielleicht zerfallen sie zu Asche wie Vampire, wenn sie mit Tageslicht in Berührung kommen?

Schließen möchte ich mein Glocken-Intermezzo mit den letzten Versen von Schillers Gedicht „Die Glocke“:

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch über'm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Domes, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr' im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.
 

Amen:)
  

Dienstag, 11. Oktober 2011

Wahrheit tut weh

Es begann mit einem Schulausflug. Ich war leider schlecht vorbereitet, nicht informiert wohin es eigentlich geht und der Akku meiner Kamera war nach dem Gruppenfoto leer.

Laxmi Sir, der Schuldirektor der Schule auf der ich unterrichte, hat an seiner Schule die Tradition, jährlich einige Privatschulen sowie das SOS Kinderdorf zu besuchen, das im (großen) Gemeindekreis Kavre liegt. Mit dabei war die 8. Klasse. Laxmi hat das als Schulausflug verkauft und erst fand ich die Idee mit dem Kinderdorf gut. Warum sollen die Kinder nicht auch sehen, wie notbedürftigen Kindern derselben Gemeinde geholfen wird?

Immer schön Mädchen und Jungen getrennt ;)

Als wir mit unserem ausgedienten deutschen Bus in den abgesicherten Bereich einfuhren, ist uns wirklich allen die Kinnlade runtergekippt. Aus runden Kindermündern ertönte ein großes staunendes Woooooaaaawww!

Ein wahnsinniges Grün und Bunt und Sauber strahlte uns entgegen. Mein erster Gedanke war: „Boah, haben die Geld!“ Wir stiegen etwas benommen aus dem Bus und wurden vom Dorfleiter empfangen.

Bilder sind hier zu finden: http://www.asien.l-seifert.de/Waisenhaus/Banepa-2.html Es ist zwar das Kinderdorf in Banepa, aber alle sehen sie gleich aus. (Aus urheberrechtlichen Gründen verweise ich lieber auf den Link anstatt die Bilder hier hochzuladen)

Er führte uns durch das Dorf in einen Empfangsraum, in dem er eine Rede hielt. Er erklärte in Nepali und Englisch, dass in dem Kinderdorf an die 210 Kinder leben, wovon aber 70 sich momentan auf einer höheren Schule in Kathmandu befinden. Das Dorf nimmt elternlose Kinder auf und dient als Ersatzfamilie, zu der sie immer zurückkehren können. Wie kommt es, dass es hier so viele Waisenkinder gibt?

http://schools-wikipedia.org/sos/sponsor-a-child/asian-child-sponsorship/nepal.htm Hier stehen mehr Informationen. Was der Dorfleiter damals unterschlug, war, dass auch bedürftige Kinder auf der Umgebung täglich dort die Schule besuchen dürfen.

Die Dame, die für das Fundraising zuständig ist, führte mich an ihren Arbeitsplatz. Da war tatsächlich ein richtiger Schreibtisch mit Computer und Schreibtischstuhl. Es sah wie ein deutsches Büro aus und die Dame setzte sich hin und erklärte, dass sie von hier aus täglich Gelder für das Dorf einsammelt. Es gibt an die 200 Spender aus Deutschland.

Die Führung ging weiter durch das Schulgebäude, das sogar in einem besseren Zustand war als mein gutes altes Gymnasium. Ich würde fast sagen, es hat deutsches Privatschulniveau. Wir liefen am Sekretariat, einer wunderschönen Bücherei und einer Vitrine mit polierten Pokalen vorbei. Im Schulhof saßen Kinder mit gefüllten Essenboxen und vesperten. Meine Kinder rieben sich hungrig den Bauch. Als wir am Fest- und Musizierraum vorbei gingen, erklärte der Dorfleiter, dass sie ein Piano und „nur“ neun Violinen hätten. Nur neun Violinen? Hallo? Ich würde einen Freundentanz aufführen, wenn meine Schule hier auch nur ein billiges Xylophon hätte.

Mich begann das Übermaß zu reizen. Es ist einfach übertrieben bunt und grün und wohlhabend. Die scheinen sich echt den Kopf zerbrechen zu müssen – Wohin nur mit dem ganzen Geld! Meiner Meinung nach hätte es etwas weniger auch getan. Auch meine Kinder sind aus armen Familien und schwierigen Verhältnissen. Warum muss das Geld ausschließlich hier sein? Geht hier alles mit rechten Dingen zu?

Wir kamen vorbei an kleinen angelegten Küchengärten und der Dorfleiter erklärte uns die unterschiedlichen Gewürze. Wie schön für euch, dass ihr Zeit und Raum für sowas Niedliches habt! Ich wurde ganz gehässig.

Um uns herum tobten die SOS-Kinder ausgelassen, glücklich, sauber, wohlgenährt in schicken Hemden und Krawatten. Denen geht es einfach zu gut. Meine Kinder in ihren zerknitterten und schmutzigen Kleidern fühlten sich zusehends schlechter, manche klagten über Kopfschmerzen und baten um Erlaubnis zum Bus zurück zu kehren. Am liebsten hätte ich 10m-Arme gehabt und alle Kinder auf einmal umarmt und vor diesem ganzen Glanz bewahrt.

Als ich so durch das Kinderdorf geführt wurde, ging irgendwas in mir kaputt. Ich glaubte doch stets (naiv?) an Gerechtigkeit. Schritt für Schritt wuchs eine große Wut in mir, dass ich unseren Führer am liebsten getreten hätte.

Es kam mir schon alles schon so verdächtig vor. Und ich sollte Recht behalten: Wie wir so auf dem Pausenhof warten, kommt eine meiner Schülerin mit einem Mädchen aus dem Kinderdorf Hand in Hand auf mich zu. Ganz stolz verkündet sie, dass das ihre Schwester sei. Später sollte ich herausfinden, dass das Gang und Gäbe auf dem SOS Kinderdorf ist und einflussreiche Familien mit guten Kontakten ihren Kindern auf diese Weise eine Ausbildung auf Privatschulniveau sichern. Und das kostenlos. Und gestern erfahre ich tatsächlich, dass auch Laxmis Sohn einige Zeit im Kinderdorf unterrichtet wurde. Und der ist weiß Gott nicht bedürftig! Ein guter Freund, Situ, sagte mir sogar: „You should go there once in the morning and watch all the parents who drop their children at this school by car.” Wer einmal in Nepal war, weiß, dass nur eine Elite sich ein Auto leisten kann.  Dann meinte er noch: „And those who deserve this school work at the rice fields.”


An diesem Tag haben wir perfekte Menschen besucht, Geld und Schönheit gerochen und erlebt, was wir nicht haben können. Ich fragte mich: Wie um Gottes Willen soll ich die Kinder morgen in unserer erbärmlichen Schule motivieren? Man muss ihnen doch Hoffnung geben, nicht nehmen.

Am Ende des Tages war ich sehr böse mit dem Direktor, dass er seiner Abschlussklasse zeigt, was sie nie haben können. Wie kann man diesen Kindern nur suggerieren, dass sie Menschen zweiter Klasse sind? (Er versprach, solche Trips in Zukunft zu unterlassen. Wir werden sehen.)

Mein Fazit das Kinderdorf betreffend, ist natürlich nicht positiv. Aber ist es auch nicht naiv zu glauben, dass in einem Land, das offensichtlich durch Vetternwirtschaft und Korruption regiert wird, Spendengelder bei den Bedürftigen ankommen? Insbesondere dann, wenn man die Institutionen in nepalesischer Selbstverwaltung lässt? Ich lernte an diesem Tag, dass die persönliche Präsenz vor Ort mehr wert ist als Geld. Nehmen wir an, es gäbe einen Deutschen, der über mehrere Monate lang in dem Kinderdorf arbeitet und nach dem Rechten schaut. Wenn sich dann nichts ändern würde, würde ich die ganze Institution SOS Kinderdorf in Frage stellen.

Subesh, Sujit und Prasant haben mehrere Hilfsorganisationen ausprobiert, deren Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte. Sie engagierten sich und versuchten, es immer ein bisschen besser zu machen. Es endete stets damit, dass ihre Eifrigkeit ausgenutzt wurde und sobald eine Spendenzahlung ankam, wurde mit diesem Geld eine dicke Feier in einem Hotel organisiert. Der Betrag, der am Ende am Hilfsprojekt ankam, war dann lächerlich. Auch haben sie mehrmals erlebt, dass die Organisationen komplett gar nichts machten und sich damit persönlich bereicherten. Resigniert haben sie diesen zwielichtigen Organisationen den Rücken gekehrt und versuchen jetzt auf eigene Faust bei kleinen Projekten vor Ort was zu verändern. Und so kam die Idee mit der ILBS Nepal in Panauti wie gerufen.

Ich weiss, die Welt ist häßlich, böse und gemein. Aber ich glaube an das, was ich hier tue und lass mich davon nicht abbringen. Eben auch deshalb, weil ich es selbst in die Hand nehme.